Schlucken und Schluckstörung: Schluckmuster, Phasen und Dysphagie

Fachartikel Schlucken

Schlucken und SchluckstörungEin Muster, nicht nur ein Reflex

Der Bissen kommt im Magen an, und trotzdem kann das Muster dahinter verändert sein. Hier erfährst du, wie der Schluckakt abläuft, woran du falsches Schlucken und Zungenpressen erkennst und wann Schluckbeschwerden ärztlich abgeklärt gehören.

Kennst du das?

Du schluckst, aber wie?

Was trifft auf dich zu?

Tippe an, was auf dich zutrifft.

Die ersten fünf Punkte sprechen für ein verändertes Schluckmuster. Beim Essen fällt das selten auf, und es lässt sich trainieren. Der letzte Punkt ist anders. Verschluckst du dich häufig, bleibt Nahrung stecken oder schmerzt das Schlucken, steht die ärztliche Abklärung an erster Stelle.

Woran du dein Schluckmuster erkennstWann Schluckbeschwerden abgeklärt gehören
Das ersetzt keine Untersuchung. Es zeigt dir nur, wo du in diesem Artikel weiterlesen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Schlucken ist eine fest geordnete Abfolge mehrerer Phasen, gesteuert im Hirnstamm und abgestimmt mit der Atmung. Sie läuft viele hundert bis tausend Mal am Tag.
  • Ein verändertes Schluckmuster, etwa Zungenpressen, bringt den Bissen sicher in den Magen. Es zeigt sich an Zunge, Lippen, Kinn und Zähnen, nicht an Beschwerden beim Essen.
  • Auch bei einer Dysphagie, etwa nach einem Schlaganfall, geht es darum, das korrekte Schluckmuster wieder zu trainieren. Das FaceFormer-Training kann dabei ergänzend zur ärztlichen und logopädischen Behandlung eingesetzt werden, abgestimmt mit dem Behandlungsteam.

Video

Schlucken: Warum das Schluckmuster zählt

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Grundlagen

Schlucken: mehr als ein Reflex

Schlucken gehört zu den Abläufen, über die du kaum nachdenkst. Gerade deshalb lohnt ein genauer Blick darauf, was dabei geschieht.

Du schluckst beim Essen und Trinken, vor allem aber zwischendurch, wenn sich Speichel im Mund sammelt, am Tag wie in der Nacht. Das geschieht viele hundert bis tausend Mal am Tag1. Bei jedem Schluck arbeiten Lippen, Zunge, Kiefer, Gaumensegel, Rachen, Kehlkopf und Speiseröhre in einer festen Reihenfolge zusammen.

SchluckaktDer einzelne Schluck, eine Abfolge mehrerer Phasen vom Mund bis in den Magen
SchluckmusterDie Art, wie du diesen Ablauf im Mund einleitest, gelernt in der Kindheit und seitdem unzählige Male wiederholt
DysphagieDer Fachbegriff für eine Schluckstörung im engeren Sinn, bei der Essen und Trinken selbst beeinträchtigt sind

Die Unterscheidung ist wichtig, denn hinter dem Wort Schluckstörung stecken zwei verschiedene Dinge. Viele Menschen schlucken mit einem abweichenden Muster und merken nichts davon, weil der Bissen zuverlässig im Magen ankommt. Andere verschlucken sich häufig oder bekommen Nahrung nicht mehr sicher hinunter. Dieser Artikel zeigt, wo die Grenze verläuft.

Schlucken ist nicht nur ein Reflex. Es ist ein Muster, das dein Nervensystem gelernt hat.Der Ablauf im Rachen ist im Hirnstamm angelegt. Wie Zunge, Lippen und Kiefer ihn im Mund einleiten, hat sich in der Kindheit eingespielt und läuft seitdem ohne Nachdenken.

Schluckakt

Die Phasen des Schluckakts

Ein Schluck dauert nur einen Augenblick. In dieser Zeit laufen mehrere Phasen ab, vom willkürlichen Teil im Mund bis zum automatischen Transport in der Speiseröhre.

  1. Orale Vorbereitungsphase

    Kauen, Einspeicheln, Portionieren. Die Zunge formt aus der Nahrung einen schluckbaren Bissen, den Bolus. Die Lippen sind geschlossen, du steuerst diese Phase noch willentlich.

  2. Orale Transportphase

    Die Zungenspitze findet ihren Kontakt am vorderen Gaumen. Von dort legt sich die Zunge von vorn nach hinten an den Gaumen und schiebt den Bolus in Richtung Rachen.

  3. Pharyngeale Phase

    Berührt der Bolus die Auslösezonen am Zungengrund und an der Rachenwand, übernimmt der Hirnstamm. Das Gaumensegel dichtet zur Nase ab, Zungenbein und Kehlkopf heben sich, der Kehldeckel legt sich über den Kehlkopfeingang, die Atmung pausiert.

  4. Ösophageale Phase

    Der obere Speiseröhreneingang öffnet sich, eine Welle von Muskelkontraktionen trägt den Bolus in den Magen. Dieser Teil läuft ohne dein Zutun.

Der Übergang von der zweiten zur dritten Phase ist die entscheidende Stelle. Bis dahin kannst du den Bissen noch zurückhalten, danach nicht mehr. Wo die Zunge ansetzt, wie der Bolus geformt ist und ob die Lippen dicht sind, gibt dem Hirnstamm die Ausgangslage vor.

Die Rachenphase des Schluckens: Das Gaumensegel (grün) hebt sich und verschließt den Nasenraum, der Bissen gleitet in die Speiseröhre. 3D-Illustration nach anatomischer Vorlage.
Die Rachenphase des Schluckens: Das Gaumensegel (grün) hebt sich und verschließt den Nasenraum, der Bissen gleitet in die Speiseröhre. 3D-Illustration nach anatomischer Vorlage.

Im Rachen kreuzen sich zwei Wege. Die Luft zieht von der Nase hinunter in den Kehlkopf, die Nahrung vom Mund in die dahinterliegende Speiseröhre. Für den Moment des Schluckens muss der Luftweg deshalb verschlossen sein.

Gelangt doch etwas in den Kehlkopfeingang, sprechen wir im Alltag von „falschem Schlucken“ oder Verschlucken. Der Hustenstoß danach ist eine Schutzreaktion. Gelegentlich ist das normal, kommt es häufig vor, lohnt ein genauerer Blick.

3D-Film im Seitenschnitt: Die Zähne kommen kurz in Kontakt, im Hals bewegt sich der Kehlkopf beim Schluck mit.

Schluckapnoe

Schlucken und Atmen teilen sich einen Raum

Weil sich Luftweg und Speiseweg im Rachen kreuzen, müssen Schlucken und Atmen genau aufeinander abgestimmt sein.

Schlucken und Atmen können nicht gleichzeitig stattfinden. Bei jedem Schluck setzt die Atmung kurz aus. Diese Pause heißt Schluckapnoe. Sie ist keine bloße Folge des verschlossenen Kehlkopfs, sondern wird vom Nervensystem eigens angeordnet. Das zeigte eine Untersuchung an Menschen, deren Kehlkopf entfernt worden war. Obwohl ihr Atemweg nicht mehr über den Rachen führte, blieb die Pause beim Schlucken bestehen2.

30Personen

wurden in Boston beim Schlucken und Atmen gleichzeitig vermessen. Bei allen setzte das Schlucken den Atemrhythmus neu, und auf die Atempause folgte eine Ausatmung3

82Erwachsene

zeigten in einer Studie aus South Carolina vier Muster, wie Atmung und Schlucken ineinandergreifen. Mit höherem Alter verschoben sich diese Muster4

Nach dem Schluck strömt also zuerst Luft nach außen, bevor wieder eingeatmet wird. Das ist sinnvoll, denn so werden Reste im Rachen eher hinausgetragen als eingeatmet. Schlucken und Atmen laufen über gemeinsame Netzwerke im Hirnstamm. Sie teilen sich Muskeln, Nerven und Taktgeber und sind aus unserer Sicht zwei Seiten eines Ablaufs.

Wie ein Bahnübergang

An einem Bahnübergang teilen sich Straße und Schiene eine Fläche. Kommt ein Zug, schließt die Schranke für einen Moment, danach rollt der Verkehr weiter. Im Rachen ist es ähnlich. Beim Schluck schließt sich der Luftweg kurz, danach setzt die Atmung mit einer Ausatmung wieder ein. Arbeitet die Schranke zuverlässig, bemerkst du davon nichts.

Schluckmuster

Richtiges und falsches Schlucken: worauf es im Mund ankommt

Der Ablauf im Rachen ist im Hirnstamm fest angelegt. Unterschiede zeigen sich im Mund, dort, wo der Schluck eingeleitet wird.

Im Referenzmuster beginnt der Schluck vorn. Die Zungenspitze liegt an der kleinen Erhebung hinter den oberen Schneidezähnen, der Papilla incisiva, und berührt die Zähne nicht. Die Lippen liegen locker aufeinander. Von der Zungenspitze aus legt sich die Zunge von vorn nach hinten an den Gaumen und schiebt den Bolus nach hinten. Der Kopf balanciert über dem Körper und bleibt beim Schlucken ruhig.

Kurz vor dem Schluck kommen die Backenzähne in Kontakt. Dieser Aufbiss gibt dem Unterkiefer Halt, die Kaumuskeln stabilisieren, die Zunge hat ein festes Widerlager, und die Lippen müssen kaum Kraft aufbringen. Direkt danach gehen die Zähne wieder locker auseinander.

Nach dem Schluck bleibt die Zunge am Gaumen. Mit geschlossenen Lippen und Nasenatmung hält sie dort ein leichter Unterdruck, ohne Haltearbeit. So stellt sich nach dem Schluck die Zungenreferenzlage ein.

Seitenschnitt im Moment des Aufbisses. Die Zähne haben kurz Kontakt, die Zunge liegt am Gaumen, im Mundvorhof sitzt der FaceFormer.
Seitenschnitt im Moment des Aufbisses. Die Zähne haben kurz Kontakt, die Zunge liegt am Gaumen, im Mundvorhof sitzt der FaceFormer.

Referenzmuster

  • Zungenspitze am vorderen Gaumen, die Zähne bleiben frei
  • Kurzer Aufbiss der Backenzähne
  • Lippen locker, Kinn entspannt
  • Kopf balanciert und bleibt beim Schlucken ruhig
  • Danach Zunge am Gaumen, Atmung durch die Nase

Ersatzmuster

  • Zungenspitze drückt gegen oder zwischen die Schneidezähne
  • Zähne bleiben auseinander, der Aufbiss fehlt
  • Lippen pressen, das Kinn spannt sich an
  • Der Kopf nickt oder schiebt sich beim Schlucken nach vorn
  • Danach liegt die Zunge tief, der Mund öffnet sich leicht

Beide Muster bringen den Bissen sicher in den Magen. Sie unterscheiden sich darin, welche Muskeln die Arbeit tragen.

Probier es aus. Schluck deinen Speichel einmal mit kurzem Aufbiss und einmal mit leicht geöffneten Zähnen. Was merkst du?

Zungenpressen

Zungenpressen beim Schlucken: eine Ersatzlösung

Drückt die Zunge beim Schlucken gegen oder zwischen die Schneidezähne, spricht man von Zungenpressen, Zungenstoß oder Zungenvorschub, im Englischen von tongue thrust. Aus unserer Sicht ist das im Regelfall eine Ersatzlösung. Liegt die Zunge tief und fehlt ihr der Kontakt zum vorderen Gaumen, braucht der Schluck trotzdem eine Abdichtung. Das Nervensystem verlegt sie nach vorn, an Zähne, Lippen und Kinn.

20Personen

mit offenem Biss und abweichendem Schluckmuster zeigten in Gießen beim Schlucken mehr Aktivität der Lippenmuskeln und weniger Aktivität der Kaumuskeln als 15 Personen mit unauffälligem Muster5

10Personen

dieser Gruppe wurden nach kieferorthopädischem Schluss des offenen Bisses erneut gemessen. Ihr Schluckmuster im Muskelbild hatte sich nicht normalisiert5

Die Zahnstellung war korrigiert, das Muster lief weiter wie zuvor. Die Gruppe war klein, eine unbehandelte Vergleichsgruppe fehlte. Der Befund passt aber zu unserer Sicht: Ein Schluckmuster ändert sich nicht mit der Form der Zähne, sondern erst, wenn der Ablauf selbst neu eingeübt wird.

Bei Kindern gehört ein Zungenvorschub zur Entwicklung. Eine Übersichtsarbeit kam zu dem Schluss, dass er unter zehn Jahren eher die Regel als die Ausnahme ist, und fand keinen engen Zusammenhang mit Zahnfehlstellungen6. Das halten wir ehrlich fest. Aus unserer Sicht zählt deshalb nicht der einzelne Befund, sondern ob sich das Muster mit dem Wachstum ordnet oder ob es sich festsetzt.

  1. Der vordere Bezugspunkt fehlt

    Die Zungenspitze liegt unten, oft seit der Kindheit, etwa bei Mundatmung, langem Schnuller oder Daumenlutschen.

  2. Die Zunge sucht Halt an den Zähnen

    Beim Schlucken stützt sie sich vorn an den Schneidezähnen ab statt am Gaumen.

  3. Lippen und Kinn dichten ab

    Ringmuskel des Mundes und Kinnmuskel übernehmen die Abdichtung. Die Kaumuskeln werden beim Schlucken kaum noch gebraucht.

  4. Das Muster schleift sich ein

    Viele hundert bis tausend Wiederholungen am Tag festigen die Ersatzlösung, bis sie sich richtig anfühlt.

  5. Folgen werden sichtbar

    Zahnfehlstellungen, eine offene Mundhaltung, Mundatmung oder Spannung in Kiefer und Nacken können am Ende vieler solcher Ketten stehen. Mit dem Schlucken bringt sie kaum jemand in Verbindung.

Behandelt werden diese Folgen in der Regel einzeln, die Zahnstellung, die Verspannung, der Kiefer. Das Schlucken wird dabei selten angesehen, obwohl es viele hundert bis tausend Mal am Tag abläuft. Wie der Befund aus Gießen zeigt, kann das Muster weiterlaufen, auch wenn die Zähne korrigiert sind. Aus unserer Sicht ist ein abweichendes Schluckmuster im Regelfall ein Glied dieser Ketten, und oft das Glied, an dem niemand ansetzt.

Die Triade

Schlucken im Verbund mit Atmung und Kopfbalance

Schlucken läuft nie für sich allein. Es teilt sich Raum, Muskeln und Steuerung mit der Atmung und mit der Kopfbalance.

Die Nase gehört mit dazu. Nasenatmung versorgt die Riechschleimhaut laufend mit Reizen, und Riechen bereitet das Schlucken vor. Bei 105 Pflegeheimbewohnern nach Schlaganfall verkürzte eine Minute Riechen an schwarzem Pfefferöl die Zeit bis zum Auslösen des Schluckreflexes7.

Das Zungenbein ist ein Knochen ohne Gelenk. Es hängt an Muskeln, die zum Unterkiefer, zur Schädelbasis und nach unten zum Brustkorb ziehen, und trägt Zunge und Kehlkopf. Wie der Kopf balanciert, verändert deshalb die Zugrichtungen, unter denen geschluckt wird. 18 ältere Frauen schluckten Wasser in aufrechter Sitzhaltung schneller als zusammengesunken mit nach vorn geschobenem Kopf8.

Zungenbein und Kehlkopf von schräg unten, rot die Muskeln zu Unterkiefer und Schädelbasis.
Zungenbein und Kehlkopf von schräg unten, rot die Muskeln zu Unterkiefer und Schädelbasis.
74%

der Kinder mit mittelschwerer bis schwerer Schlafapnoe im Wechselgebiss schluckten in einer Pariser Kinderklinik mit Zungenvorschub, im bleibenden Gebiss waren es 38 %9

50,7%

der Kinder mit länger bestehendem Paukenerguss zeigten in Rom ein abweichendes Schluckmuster, in der gesunden Vergleichsgruppe waren es 26,6 %10

Beide Arbeiten zeigen ein gemeinsames Auftreten, keine Ursache. Sie passen aber zu unserem Bild. Aus unserer Sicht steht ein abweichendes Schluckmuster im Regelfall nicht allein. Es ist Teil eines Musters, in dem Atmung, Schlucken und Kopfbalance gemeinsam aus dem Gleichgewicht geraten. Dieser Triadische Funktionskreis steht am Anfang vieler Kausalketten, die bis zu Schnarchen, Ohrendruck, Reflux oder Nackenbeschwerden reichen können.

Dysphagie

Schluckbeschwerden: wann ärztlich abklären

Von einem veränderten Schluckmuster ist die Dysphagie klar zu trennen. Hier ist nicht nur der Ablauf verändert, das Schlucken selbst gelingt nicht mehr sicher.

Bei einer Dysphagie bleibt Nahrung stecken, Flüssigkeit gerät in die Atemwege, oder das Schlucken schmerzt. Die Ursachen sind vielfältig. Dazu zählen ein Schlaganfall, Parkinson und andere neurologische Erkrankungen, Engstellen, Entzündungen oder andere Veränderungen der Speiseröhre und auch Nebenwirkungen von Medikamenten. Das gehört ärztlich untersucht, damit klar ist, woher die Störung kommt und wie sicher Essen und Trinken gerade gelingen.

Schema: Beim Schlucken wird der Bissen durch Mund und Rachen in die Speiseröhre geführt. Bei einer Dysphagie gelingt dieser Weg nicht mehr sicher.
Schema: Beim Schlucken wird der Bissen durch Mund und Rachen in die Speiseröhre geführt. Bei einer Dysphagie gelingt dieser Weg nicht mehr sicher.
37 bis 45%

der Menschen nach Schlaganfall hatten laut einer Übersicht aus Toronto über 24 Studien eine Dysphagie, wenn nur mit einfachen Suchtests untersucht wurde11

51 bis 55%

waren es bei klinischer Untersuchung11

64 bis 78%

waren es bei apparativer Untersuchung. Je genauer hingesehen wird, desto häufiger zeigt sich die Störung11

Häufiges Verschlucken

Du hustest oder räusperst dich regelmäßig beim Essen oder Trinken.

Nahrung bleibt stecken

Bissen oder Tabletten bleiben im Hals oder hinter dem Brustbein hängen.

Gurgelnde Stimme

Nach dem Essen klingt die Stimme nass oder belegt.

Schmerzen beim Schlucken

Das Schlucken tut weh, auch über einen Infekt hinaus.

Ungewollter Gewichtsverlust

Du isst weniger, weil das Schlucken mühsam ist, und nimmst ab.

Plötzlicher Beginn

Die Beschwerden treten neu und plötzlich auf.

Nicht jedes Verschlucken macht sich bemerkbar. Bleibt der schützende Hustenreflex aus, können Nahrung, Flüssigkeit oder Speichel unbemerkt in die Atemwege gelangen. Man spricht dann von stiller Aspiration. Weil weder Husten noch Räuspern darauf aufmerksam machen, kann sie lange unentdeckt bleiben. Nach einem Schlaganfall ist bei Schluckstörungen und vor allem bei Aspiration das Risiko einer Lungenentzündung deutlich erhöht11. Auch deshalb gehört schon der Verdacht auf eine Schluckstörung ärztlich oder logopädisch abgeklärt. Eigenes Training ersetzt diese Abklärung nicht.

Tritt eine Schluckstörung plötzlich auf, zusammen mit einer hängenden Gesichtshälfte, verwaschener Sprache oder Schwäche in Arm oder Bein, ruf den Notruf 112. Das können Zeichen eines Schlaganfalls sein. Ist die Ursache geklärt, geht es auch bei einer neurologisch bedingten Dysphagie darum, das Schluckmuster wieder einzuüben. Das FaceFormer-Training setzt genau dort an und kann ergänzend zur ärztlichen und logopädischen Behandlung eingesetzt werden. Stimme das mit deinem Behandlungsteam ab, besonders wenn Essen oder Trinken noch nicht sicher gelingen. Bei degenerativen neuromuskulären Erkrankungen wie ALS oder fortgeschrittenem Parkinson gilt: nur nach ärztlicher Rücksprache.

3D-Film

Die Grundübung: pressen, aufbeißen, schlucken

Die Animation zeigt in 45 Sekunden, wie das FaceFormer-Training den Schluck in einen geordneten Ablauf einbettet, mit aufgerichtetem Kopf, geschlossenen Lippen und kurzem Aufbiss.

Training

Schluckmuster trainieren: Schlucken lernt man durch Schlucken

Ein Schluckmuster lässt sich nicht durch einen Vorsatz ändern. Sobald die Aufmerksamkeit woanders ist, im Gespräch oder im Schlaf, läuft das gewohnte Muster weiter. Umlernen braucht Wiederholung im richtigen Zusammenhang. Aus unserer Sicht heißt das, den Schluck als Ganzes zu üben, zusammen mit Lippenschluss, Zungenreferenzlage, Nasenatmung und Kopfbalance.

Für ein verändertes Schluckmuster greifen isolierte Kraftübungen der Zunge deshalb zu kurz. Eine Übersichtsarbeit aus Toronto wertete sieben Studien aus, die Zungenkrafttraining mit Röntgenaufnahmen des Schluckens überprüften. Die Wirkung auf den Schluckablauf war uneinheitlich, eine gemeinsame Auswertung war nicht möglich12. In der Behandlung einer Dysphagie kann Krafttraining seinen Platz haben. Für das Muster zählt der Ablauf, nicht die Kraft.

Im FaceFormer-Training liegt der FaceFormer im Mundvorhof, hinter den Lippen und vor den Zähnen. Die Zungenspitze liegt am Referenzpunkt, du atmest durch die Nase, der Kopf ist aufgerichtet.

In der Grundübung presst du den Lippenkeil sechs Sekunden mit den Lippen zusammen, beißt kurz mit den Backenzähnen auf und schluckst einmal. Danach entspannst du die Lippen, die Zähne gehen wieder auseinander, und die Zungenspitze bleibt, wo sie ist.

Training mit dem FaceFormer: Die Lippen umschließen den Lippenkeil, der Kopf ist aufgerichtet.
Training mit dem FaceFormer: Die Lippen umschließen den Lippenkeil, der Kopf ist aufgerichtet.
  1. Ab Tag 1

    Grundübung

    Dreimal täglich, in Woche 1 mit 8, in Woche 2 mit 14 und ab Woche 3 mit 20 Wiederholungen, mit dem FaceFormer ZERO.

  2. Ab etwa Woche 3

    Zugübung und Nacht

    Die Zugübung kommt dazu. Nachts trägst du den FaceFormer ZERO, sobald die Grundübung sitzt.

  3. Nach einigen Wochen

    Wechsel auf den ONE

    Tagsüber trainierst du mit dem FaceFormer ONE. Er ist gleich groß und geformt wie der ZERO, nur aus festerem Material.

  4. Ab etwa Woche 6

    Erweiterte Module

    Je nach Bedarf kommen weitere Module dazu, etwa die Atemübung, die Schlucken und ruhige Nasenatmung verbindet.

  5. Über Monate

    Das Muster läuft von selbst

    Bis die neuen Abläufe ohne Nachdenken laufen, rechnet das Übungsmanual mit sechs bis zwölf Monaten.

Die kostenlose FaceFormer-App leitet die Grundübungen an, alle Module findest du auf den Übungsseiten. Fällt dir das Schlucken mit dem FaceFormer anfangs schwer, ist das häufig, besonders nach langer Mundatmung. Beginne behutsam und schlucke zunächst nur bei jeder zweiten Wiederholung. Für Kinder gilt ein eigener Übungsplan, mehr unter FaceFormer für Kinder.

Alltag

Das Schluckmuster im Alltag

01

Zungenspitze an den Referenzpunkt

Zwischen den Schlucken liegt die Zungenspitze an der kleinen Erhebung hinter den oberen Schneidezähnen. Anliegen, nicht pressen.

02

Kurz aufbeißen

Achte beim Schlucken von Speichel darauf, dass die Backenzähne kurz Kontakt haben. Danach gehen sie wieder locker auseinander.

03

Lippen zu, Nase auf

Mit locker geschlossenen Lippen und Nasenatmung hält der Unterdruck die Zunge nach dem Schluck am Gaumen.

04

Aufrecht essen und trinken

Setz dich zum Essen aufrecht hin, der Kopf balanciert über dem Körper. Zusammengesunken schluckt es sich langsamer.

05

Laufende Behandlung weiterführen

Bist du wegen einer Schluckstörung in ärztlicher oder logopädischer Behandlung, setze nichts eigenmächtig ab und sprich das Training dort an.

Fragen

Häufig gefragt

Was ist eine Schluckstörung?

Das Wort meint zwei verschiedene Dinge. Im medizinischen Sinn ist es die Dysphagie, bei der Essen und Trinken nicht mehr sicher gelingen, etwa nach einem Schlaganfall. Oft ist aber ein verändertes Schluckmuster gemeint. Der Bissen kommt dabei problemlos im Magen an, Zunge, Lippen und Kinn arbeiten aber anders als im Referenzmuster.

Was bedeutet falsches Schlucken?

Im Alltag meint man damit das Verschlucken, wenn Speichel, Essen oder ein Getränk in den Kehlkopfeingang gerät und ein Hustenstoß es wieder hinausbefördert. Gelegentlich ist das normal. In der Fachsprache bezeichnet falsches Schlucken dagegen ein abweichendes Schluckmuster, etwa wenn die Zunge beim Schlucken gegen die Schneidezähne drückt.

Wie oft schluckt ein Mensch am Tag?

Viele hundert bis tausend Mal, beim Essen und Trinken und vor allem zwischendurch, wenn Speichel abgeschluckt wird. Durch diese Zahl an Wiederholungen festigt sich ein Schluckmuster stark, ganz gleich, ob es dem Referenzmuster entspricht oder nicht.

Woran erkenne ich Zungenpressen beim Schlucken?

Typisch sind ein angespannter Kinnmuskel mit kleinen Dellen in der Haut, pressende Lippen und Zähne, die beim Schlucken auseinanderbleiben. Die Zungenspitze ist dann an oder zwischen den Schneidezähnen zu spüren statt am vorderen Gaumen. Leg beim nächsten Schluck einen Finger locker aufs Kinn, dann spürst du, ob es mitarbeitet.

Wann sollte ich Schluckbeschwerden ärztlich abklären lassen?

Wenn du dich häufig verschluckst, Bissen oder Tabletten stecken bleiben, das Schlucken schmerzt, die Stimme nach dem Essen gurgelnd klingt oder du ungewollt abnimmst. Treten Schluckbeschwerden plötzlich auf, zusammen mit einer hängenden Gesichtshälfte, verwaschener Sprache oder Schwäche in Arm oder Bein, ruf den Notruf 112.

Was ist stille Aspiration?

Normalerweise löst Verschlucken einen Hustenreflex aus, der Nahrung, Flüssigkeit oder Speichel wieder aus den Atemwegen befördert. Bei der stillen Aspiration bleibt dieser Reflex aus. Das Verschluckte gelangt in die Atemwege, ohne dass du hustest oder etwas davon bemerkst. Nach einem Schlaganfall ist bei Schluckstörungen und Aspiration das Risiko einer Lungenentzündung deutlich erhöht11. Vermutest du eine Schluckstörung, lass sie deshalb ärztlich oder logopädisch abklären. Eigenes Training ersetzt diese Abklärung nicht.

Kann man ein Schluckmuster trainieren?

Ein Schluckmuster ist ein gelernter Ablauf und lässt sich durch Wiederholung neu einüben. Aus unserer Sicht gelingt das am ehesten, wenn der Schluck als Ganzes geübt wird, zusammen mit Lippenschluss, Zungenreferenzlage, Nasenatmung und Kopfbalance. Im FaceFormer-Training geschieht das in der Grundübung. Bis das neue Muster ohne Nachdenken läuft, rechnet das Übungsmanual mit sechs bis zwölf Monaten.

Hat Reflux mit dem Schlucken zu tun?

Beim Reflux wird oft nur der Mageneingang betrachtet. Schlucken, Speiseröhre und Magen teilen sich aber die Steuerung über den Vagusnerv und das Schaltzentrum im Hirnstamm. Im Schlaf sinken Schluckfrequenz und Speichelfluss stark, sodass die Säure länger auf der Schleimhaut bleibt13. Dass ein abweichendes Schluckmuster am Tag Reflux mitverursacht, ist nicht untersucht. Über die gemeinsame Steuerung liegt der Zusammenhang aus unserer Sicht aber nahe.

Kann ich mit dem FaceFormer auch nach einem Schlaganfall trainieren?

Ja, ergänzend. Auch bei einer neurologisch bedingten Dysphagie geht es darum, das korrekte Schluckmuster wieder einzuüben, und genau das trainiert der FaceFormer zusammen mit Atmung und Kopfbalance. Wie und ab wann, stimmst du mit deiner ärztlichen und logopädischen Behandlung ab, vor allem solange Essen oder Trinken noch nicht sicher gelingen. Laufende Behandlungen setzt du nicht eigenmächtig ab. Bei degenerativen neuromuskulären Erkrankungen wie ALS, fortgeschrittenem Parkinson oder einer Bulbärparalyse ist das Training nur nach ärztlicher Rücksprache sinnvoll.

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Dr. Klaus-Jürgen Berndsen
Dr. Klaus-Jürgen BerndsenEntwickler der FaceFormer-Therapie. Inhaltliche Grundlage: das Buch „Trust the Triad“. Stand: September 2026.

Quellen

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  8. Nakamura K, Nagami S, Fukunaga S, Shinonaga A, Kodani Y, Obama N, Kanai S (2024). Influence of Spinal Sagittal Alignment in Sitting Posture on the Swallowing Speed of Older Adult Women: A Cross-Sectional Study. Dysphagia 39(5):772-782. PMID 38280027. Quelle
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  12. Smaoui S, Langridge A, Steele CM (2020). The Effect of Lingual Resistance Training Interventions on Adult Swallow Function: A Systematic Review. Dysphagia 35(5):745-761. PMID 31612288. Quelle
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