Schuheinlagen und Beinlängendifferenz: Warum die Einlage die Steuerung nicht ändert

Fachartikel Körper und Haltung

Schuheinlagen und BeinlängendifferenzWarum die Einlage die Steuerung nicht ändert

Ein Bein soll kürzer sein, und nun stecken Einlagen in den Schuhen? Hier erfährst du, warum ungleich lange Beine der Normalfall sind, was Einlagen leisten und was nicht, was Studien zeigen und warum die Körperstatik aus unserer Sicht beim Kopf beginnt, bei Atmung, Schlucken und Kopfbalance.

Kennst du das?

Ein Bein zu kurz, und nun steckt etwas im Schuh?

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Tippe an, was auf dich zutrifft.

Treffen mehrere Punkte zu, lohnt ein Blick über die Füße hinaus. Aus unserer Sicht richtet sich der Körper im Regelfall nach der Kopfbalance aus, die mit Atmung und Schlucken gekoppelt ist. Dieses Muster lässt sich trainieren.

Was Studien zur Beinlänge zeigenWarum der Kopf den Takt vorgibt
Das ersetzt keine Untersuchung. Es zeigt dir nur, wo du in diesem Artikel weiterlesen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fast niemand hat zwei exakt gleich lange Beine. Menschen mit und ohne Rückenschmerzen hatten in Studien im Mittel gleich große Unterschiede.
  • Einlagen stützen, polstern und verteilen Last. Das Bewegungsmuster, das der Körper über Jahre gelernt hat, verändern sie nicht. Bei Rückenschmerzen zeigt die Studienlage keinen vorbeugenden Nutzen. Unser Ziel ist, dass der Fuß seine Arbeit wieder selbst leistet und die Einlage schrittweise entbehrlich wird.
  • Aus unserer Sicht beginnt die Körperstatik im Regelfall oben, bei der Kopfbalance, die mit Atmung und Schlucken gekoppelt ist. Deshalb trainieren wir diese drei Funktionen gemeinsam, statt nur unten auszugleichen.

Video

Schuheinlagen und Beinlängendifferenz: Was bringen orthopädische Einlagen?

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Asymmetrie

Kein Körper ist spiegelgleich: ungleiche Beine sind die Regel

Wer eine Jacke kauft, merkt es manchmal am Ärmel. Ein Arm ist etwas länger als der andere. Das liegt nicht an der Jacke.

Unsere beiden Körperhälften wachsen nicht spiegelgleich. Ohren, Augen, Hände und Füße unterscheiden sich, ebenso die Arme. Die Beine sind die längsten Knochenketten des Körpers. Dass gerade sie auf den Millimeter gleich lang sein sollten, wäre erstaunlich. Die Messungen zeigen das Gegenteil: Eine kleine Beinlängendifferenz haben fast alle Menschen.

90%

der Menschen hatten in Röntgenmessungen ungleich lange Beine, zusammengetragen in einer Übersichtsarbeit aus den USA1

5,2mm

betrug der Unterschied im Mittel, also etwa ein halber Zentimeter1

20mm

ab etwa dieser Größe hält die Übersicht einen Unterschied für die meisten Menschen für klinisch bedeutsam1

Eine Beinlängendifferenz von einigen Millimetern ist also eine normale Variante des Körperbaus, kein Defekt. Anders liegt es, wenn ein Bein nach einem Unfall, einer Wachstumsstörung oder einem Gelenkersatz deutlich kürzer ist. Dann kann das Gangbild gestört sein, und ein Ausgleich im Schuh hat seinen Platz. Um diese Fälle geht es in diesem Artikel nicht.

Selbstversuch

Im Stehen gleichst du ständig aus

Gemessen wird die Beinlänge oft im Liegen oder im geraden Stand. Im Alltag stehst du aber selten so.

Stell dich einmal hin und verlagere dein Gewicht vom linken auf das rechte Bein, ohne einen Schritt zu machen. Das belastete Bein streckt sich, das andere gibt im Knie leicht nach, das Becken kippt mit. Schon diese kleine Bewegung verändert die wirksame Beinlänge um mehr, als eine typische Einlage ausgleicht. Beim Gehen trägt ohnehin über weite Strecken ein einzelnes Bein die Last.

Wie stehst du gerade, während du das liest?

Zwei exakt gleich lange Beine bräuchte nur, wer stundenlang stramm steht wie eine Ehrenwache. Alle anderen bewegen sich mit einem Körper, der Unterschiede zwischen links und rechts fortlaufend ausgleicht. Das ist keine Schwäche, sondern eine Leistung des Nervensystems.

Studienlage

Beinlängendifferenz und Rückenschmerzen: was Studien zeigen

Dass ein kürzeres Bein das Becken schief stellt und so Rückenschmerzen macht, klingt einleuchtend. Geprüft wurde es mehrfach.

In Finnland wurde bei 247 Erwachsenen zwischen 35 und 54 Jahren die Beinlänge im Röntgenbild gemessen. Verglichen wurden Menschen, die nie Rückenschmerzen hatten, mit Menschen, die im Jahr zuvor stark beeinträchtigende Kreuzschmerzen hatten.

5,5mm

betrug die Beinlängendifferenz im Mittel bei den 53 Personen, die nie Rückenschmerzen hatten, mit Werten bis 20 mm3

5,3mm

waren es im Mittel bei den 78 Personen mit stark beeinträchtigenden Kreuzschmerzen, mit Werten bis 17 mm3

Die Gruppen unterschieden sich also nicht. Die Autoren halten einen Zusammenhang zwischen leichter Beinlängendifferenz und Kreuzschmerz deshalb für fraglich3. Eine Fall-Kontroll-Studie aus England, erschienen in The Lancet, fand ebenfalls keinen Zusammenhang zwischen ungleicher Beinlänge und chronischen Kreuzschmerzen4.

Wer schmerzfrei ist, hat dieselben Differenzen wie wer Schmerzen hat.Eine Messung, die bei Gesunden genauso ausfällt wie bei Betroffenen, kann die Beschwerden nicht erklären.

Befund und Ursache

Wenn ein Bein nur kürzer wirkt

Oft wird die Differenz nicht im Röntgenbild gemessen, sondern im Liegen verglichen oder am Beckenstand abgelesen. Dann ist oft nicht klar, was eigentlich gemessen wurde.

AnatomischDie Knochen selbst sind unterschiedlich lang, sichtbar im Röntgenbild
FunktionellDie Knochen sind etwa gleich lang, doch Muskelspannung und Beckenstand lassen ein Bein kürzer erscheinen

Die bereits zitierte Übersichtsarbeit unterscheidet genau diese beiden Formen. Die funktionelle Differenz sei ein eigenes Phänomen und gehe möglicherweise auf eine erhöhte Spannung der Muskeln oberhalb des Beckens zurück. Der Autor empfiehlt, sie aufzulösen, bevor eine anatomische Differenz behandelt wird2. Mit anderen Worten: erst die Spannung klären, dann über einen Ausgleich nachdenken.

  1. Die Kopfbalance weicht ab

    Der Kopf steht über lange Zeit vor dem Körper oder zur Seite geneigt, oft zusammen mit Mundatmung und tief liegender Zunge.

  2. Der Körper gleicht aus

    Um den Schwerpunkt über den Füßen zu halten, spannen Rumpf- und Beckenmuskeln einseitig stärker an. Das Nervensystem speichert diese Lösung.

  3. Das Becken kippt

    Die ungleiche Spannung zieht eine Beckenseite höher. Ein Bein erscheint kürzer, obwohl die Knochen kaum verschieden sind.

  4. Der Befund entsteht

    Gemessen wird eine Beinlängendifferenz, und ein Ausgleich im Schuh wird verordnet. Die Spannung, die das Becken kippt, bleibt, wie sie ist.

Aus unserer Sicht ist eine gemessene Beinlängendifferenz deshalb im Regelfall eher ein Abbild der Körperstatik als ihre Ursache, gemessen am unteren Ende des Systems. Das gilt nicht für echte knöcherne Unterschiede, wohl aber für viele der kleinen Differenzen, die mit Einlagen ausgeglichen werden.

Passive Stütze

Was eine Einlage leistet: stützen, polstern, Last verteilen

Neben dem Längenausgleich sind Einlagen vor allem für Senkfuß, Knickfuß, Spreizfuß oder Plattfuß verbreitet. Sie sollen das Fußgewölbe stützen, damit der Fuß die abweichende Stellung gar nicht erst einnimmt.

Fast jeder Fuß weicht von der Lehrbuchform ab, ebenso wie sich Hände und Ohren unterscheiden. Eine Abweichung ist zunächst ein Befund und noch keine Krankheit. Behandlungsbedürftig wird sie durch Beschwerden oder strukturelle Schäden, nicht durch das Messbild. Bei Kindern hielten die Autoren einer Wiener Untersuchung mehr als 90 % der Einlagenversorgungen für unnötig7.

Der Fuß ist ein bewegliches System aus vielen kleinen Knochen, Gelenken, Muskeln und Bändern. Er ist dafür gebaut, bei jedem Schritt Unebenheiten auszugleichen, sich zu verformen und wieder aufzurichten.

Eine Einlage gibt ihm eine Form vor. Sie stützt das Gewölbe, bettet den Fuß und verteilt den Druck um. Das kann sich angenehm anfühlen, weniger Druckschmerz, mehr Halt. An der Steuerung, die den Fuß bewegt, ändert sie nichts.

Einlagen werden angepasst und übergeben. Sie verändern die Bedingungen am Fuß, nicht das Bewegungsmuster.
Einlagen werden angepasst und übergeben. Sie verändern die Bedingungen am Fuß, nicht das Bewegungsmuster.

Dass sich eine Einlage gut anfühlt, ist kein Beleg dafür, dass das Problem gelöst ist. Sie nimmt Druck vom Fuß, solange sie getragen wird, ähnlich wie eine Schmerztablette den Kopfschmerz dämpft, ohne zu klären, woher er kommt. Kommen die Beschwerden wieder, sobald sie fehlt, hat sie das Symptom gemildert und die Ursache nicht verändert.

Eine Einlage verteilt Last. Ob sich dadurch das motorische Muster ändert, ist eine andere Frage.Solange das Hilfsmittel wirkt, arbeitet der Körper unter veränderten Bedingungen. Daraus folgt noch nicht, dass er die Funktion danach selbst besser ausführt.

Wie eine Krücke

Eine Krücke entlastet ein verletztes Bein, und das ist gut so. Heilen muss der Knochen selbst. So sehen wir auch die Einlage, und das ist nicht abwertend gemeint. Sie nimmt dem Fuß Arbeit ab. Die Muskeln und die Steuerung, die diese Arbeit eigentlich leisten sollen, bekommen dadurch aber keinen neuen Auftrag. Deshalb wird man sie im Regelfall nicht wieder los, solange sich an der Steuerung nichts ändert.

Der Körper kompensiert um das Hilfsmittel herum weiter. Das Nervensystem lernt, mit der Einlage zu gehen, das alte Muster wird nicht überschrieben, sondern ergänzt. Oft sucht sich die Kompensation einen anderen Weg, im Knie, in der Hüfte oder im Rücken.

Unser Ziel ist deshalb, dass der Fuß seine Arbeit wieder selbst leisten kann und die Einlage mit der Zeit entbehrlich wird. Das geschieht schrittweise und gemeinsam mit deiner Praxis, nicht auf eigene Faust. Bei echten Indikationen wie einer deutlichen knöchernen Differenz, Diabetes oder schweren Fehlstellungen bleibt die Einlage.

Evidenz

Einlagen bei Rückenschmerzen: die Studienlage

Einlagen werden nicht nur für die Füße verordnet, sondern oft auch in der Hoffnung, Rücken, Hüfte oder Knie zu entlasten. Dazu gibt es eine Übersicht der Cochrane Collaboration.

6Studien

mit Zufallszuteilung wertete die Cochrane-Übersicht zu Einlagen und Rückenschmerzen aus5

2.061Personen

nahmen an den drei Studien zur Vorbeugung teil. Die Autoren sehen starke Belege, dass Einlagen Rückenschmerzen nicht vorbeugen5

0Studien

untersuchten gezielt die Behandlung bestehender Rückenschmerzen. Eine Aussage zur Wirkung als Therapie lässt die Datenlage nicht zu5

Einlagen zum Ausgleich einer Beinlängendifferenz waren in dieser Übersicht ausgeschlossen. Für sie gilt, was die Messungen weiter oben zeigen: Eine kleine Differenz findet sich bei Menschen mit und ohne Rückenschmerzen gleichermaßen. Auch neuere Formen haben es schwer. Sogenannte sensomotorische Einlagen sollen über Polster und Erhöhungen Reize setzen und die Muskeln von unten ansteuern.

Das Bundessozialgericht hat am 12. Juni 2025 entschieden, dass gesetzliche Krankenkassen sie nicht bezahlen dürfen. Sie gelten als neue Behandlungsmethode ohne positive Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses. Der medizinische Nutzen sei bislang nicht nachgewiesen6.

Echte knöcherne Differenz

Ein Bein ist nach Unfall, Wachstumsstörung oder Gelenkersatz deutlich kürzer, etwa ab 2 cm.

Diabetischer Fuß

Druckstellen müssen vermieden werden. Hier ist Entlastung durch eine angepasste Einlage wichtig.

Bestehende Schäden

Bei Fersensporn, ausgeprägtem Spreizfuß oder schmerzhaften Fehlstellungen kann eine Einlage Druck nehmen.

Angeborene oder neurologische Ursachen

Bei schweren Fehlstellungen, etwa nach Lähmungen, sind Einlagen oder orthopädische Schuhe oft unverzichtbar.

In diesen Fällen hat eine Einlage ihren festen Platz, als Entlastung. Ein Training der Basisfunktionen lässt sich mit Einlagen kombinieren.

Körperstatik

Die Kopfbalance als Ausgangspunkt der Körperstatik

Hinter vielen Einlagen steht die Idee, dass ein falscher Fuß den ganzen Körper instabil macht. Aus unserer Sicht läuft die Kette im Regelfall andersherum.

Man vergleicht den Körper gern mit einem Turm, der vor allem ein festes Fundament braucht. Beim Hochhaus Taipei 101 in Taiwan haben die Ingenieure die Stabilität anders gelöst. Im oberen Teil des Turms hängt eine tonnenschwere, beweglich aufgehängte Stahlkugel.

Diese Kugel, ein sogenannter Schwingungstilger, pendelt gegen die Bewegungen des Gebäudes bei Sturm und Erdbeben an. Stabilisiert wird der Turm damit von oben. Für uns ist der Kopf diese Kugel.

Schema des Hochhauses Taipei 101: Die Kugel im oberen Teil beruhigt den ganzen Turm.
Schema des Hochhauses Taipei 101: Die Kugel im oberen Teil beruhigt den ganzen Turm.

Im Kopf sitzen Augen und Gleichgewichtsorgan. Schon der Physiologe Rudolf Magnus beschrieb in Utrecht in den 1920er Jahren, dass Stellreflexe zuerst den Kopf ausrichten und Hals, Rumpf und Becken ihm folgen. Im Cranio-Cervicalen Funktionsmodell, kurz CCFM, dem Arbeitsmodell von Sabine und Klaus Berndsen, heißt es entsprechend: Die Lage des Kopfes richtet die Schwerelinie aus.

Wandert der Kopf nach vorn oder neigt er sich zur Seite, muss der Körper darunter ausgleichen, mit Nacken, Schultern, Wirbelsäule und Becken, bis hinunter in Knie und Füße. Ein Senk- oder Knickfuß kann in diesem Bild auch eine Folge sein, ein Zeichen dafür, dass das System von oben her kompensiert.

Mehr über Kopfvorhalt, Handynacken und die Wege vom Nacken in den Rücken findest du im Artikel zu Nackenschmerzen und Rückenschmerzen.

Animation: Der Winkel zwischen Kopf und Hals wechselt von balanciert zu vorgeneigt und überstreckt und zurück.

Der Fuß ist das Ende der Kette, nicht ihr Anfang.Wer nur unten ausgleicht, behandelt aus unserer Sicht den Befund am falschen Ende des Systems.

Die Triade

Atmung und Schlucken tragen den Kopf mit

Warum kann man sich nicht einfach vornehmen, gerade zu stehen? Weil die Kopfbalance kein Willensakt ist, sondern eine Basisfunktion, die mit zwei anderen gekoppelt ist.

Atmung

Ist die Nase eng oder der Mund offen, schiebt der Körper den Kopf nach vorn, um den Atemweg zu weiten. Die Muskelkette vor dem Hals verliert ihren Zug.

Schlucken

Nach jedem Schluck legt sich die Zunge an den Gaumen. Liegt sie in der Zungenreferenzlage, stabilisiert die vordere Halsmuskulatur den Kopf. Liegt sie tief, fehlt dieser Halt.

Kopfbalance

Steht der Kopf balanciert über der Halswirbelsäule, wird er getragen statt gehalten. Nacken, Rücken, Becken und Füße müssen nicht nachregeln.

Probier es aus. Leg deine Zungenspitze an die kleine Erhebung hinter den oberen Schneidezähnen. Schluck einmal, lass die Zungenspitze dort und halte danach die Spannung. Spür mit den Fingern am Hals, wie sich Hals und Nacken verändern.

Das ist die Muskelkette, die den Kopf von vorn stabilisiert. Du schluckst viele hundert bis tausend Mal am Tag. Liegt die Zunge dabei in ihrer Referenzlage, trainiert der Schluck diese Kette mit.

Dr. Klaus Berndsen zeigt die Schluckprobe: Zungenspitze am Gaumen, schlucken, Spannung halten.
Dr. Klaus Berndsen zeigt die Schluckprobe: Zungenspitze am Gaumen, schlucken, Spannung halten.

Die drei Funktionen verstärken sich gegenseitig. Geht der Kopf nach vorn, öffnet sich leichter der Mund. Steht der Mund offen, sinkt die Zunge und die Luft nimmt den Weg durch den Mund. Fehlt beim Schlucken der Halt, wandert der Kopf weiter nach vorn. Mehr zur Zunge findest du unter Zungenreferenzlage, zur Rolle der Atmung im Schlaf unter Schnarchen und Schlafapnoe.

Dieser Triadische Funktionskreis aus Atmung, Schlucken und Kopfbalance steht aus unserer Sicht am Anfang vieler Kausalketten, die bis in Rücken, Becken und Füße reichen. Er reicht bis in den Druckraum aus Zwerchfell und Beckenboden. Muskeln, die nicht in ihre Funktion eingebunden sind, werden nicht gebraucht und verlieren Spannung. Eingebunden gewinnen sie sie zurück.

Kinder

Kinderfüße: beobachten und bewegen

Besonders oft bekommen Kinder Einlagen, weil ihre Füße flach aussehen. Dabei ist ein flacher Fuß in den ersten Lebensjahren ein Entwicklungsstadium.

54%

der dreijährigen Kinder hatten in einer Wiener Untersuchung an 835 Kindern einen Plattfuß, bei den Sechsjährigen waren es noch 24 %7

unter 1%

der Plattfüße waren krankhaft, die übrigen flexibel und Teil der normalen Entwicklung7

10%

der Kinder trugen Einlagen. Mehr als 90 % der Behandlungen hielten die Autoren für unnötig7

Das Fußgewölbe bildet sich im Laufe der Kindheit durch Gebrauch. Barfußgehen auf wechselndem Untergrund, Klettern, Balancieren und Springen fordern die kleinen Fußmuskeln heraus. Aus unserer Sicht gilt für Kinderfüße dasselbe wie für jede andere Funktion: Was gebraucht wird, entwickelt sich. Was ständig gestützt wird, muss weniger leisten.

Bei Kindern lohnt zudem der Blick nach oben. Steht der Mund oft offen, schnarcht das Kind oder hält es den Kopf vorgeneigt, sind genau die Funktionen betroffen, von denen die Haltung ausgeht. Mehr dazu unter FaceFormer für Kinder.

Ist ein Kinderfuß steif, schmerzhaft oder deutlich einseitig verändert, gehört er in die kinderorthopädische Abklärung.

Aktiv statt passiv

Trainieren statt stützen: vom Fuß bis zum Kopf

Wenn eine Stütze die Steuerung nicht ändert, braucht es etwas, das an der Steuerung ansetzt. Das ist Training, am Fuß ebenso wie an den Basisfunktionen.

Der Fuß ist ein Bewegungsorgan und keine Stütze. Steckt er ständig in einem Schuh, der ihm die Form vorgibt, nimmt ihm das Arbeit ab, und die kleinen Fußmuskeln können dadurch schwächer werden8. Kommt eine Einlage dazu, wird sie aus unserer Sicht zur Krücke für die Krücke. Das erklärt, warum sich viele leichte Fußfehlstellungen durch Stützen nicht bessern. Was den Fuß dagegen fordert, macht ihn kräftiger.

Für den Fuß selbst gibt es dazu eine randomisierte Studie aus den USA. 57 Läuferinnen und Läufer gingen acht Wochen lang zunehmend in Minimalschuhen, machten gezielte Fußübungen oder änderten nichts.

In beiden aktiven Gruppen wurden die Fußmuskeln größer und kräftiger, in der Vergleichsgruppe nicht. Gehen in Minimalschuhen wirkte dabei so gut wie die Übungen8. Barfußgehen auf Rasen oder Sand fordert den Fuß ähnlich.

Barfuß auf unebenem Grund: Der Fuß gleicht bei jedem Schritt aus und wird dabei gefordert.
Barfuß auf unebenem Grund: Der Fuß gleicht bei jedem Schritt aus und wird dabei gefordert.

Passiv stützen

  • Einlage, Keil oder Schuherhöhung
  • Wirkt, solange sie getragen wird
  • Verändert Form und Druckverteilung
  • Das Steuerungsmuster bleibt, wie es ist

Aktiv trainieren

  • Fuß, Atmung, Schlucken und Kopfbalance
  • Setzt an der Steuerung an
  • Braucht Wiederholung über Monate
  • Ziel ist ein Muster, das von selbst abläuft

Beides schließt sich nicht aus. Das Training lässt sich mit einer Einlage beginnen, die dann schrittweise weniger gebraucht wird.

Oben setzt die FaceFormer-Therapie an. In der Grundübung liegt der FaceFormer im Mundvorhof. Kopf aufrichten, Nacken strecken, Zungenspitze an den Gaumen, durch die Nase atmen. Dann presst du den Lippenkeil, beißt kurz auf und schluckst.

Später kommen die Zugübung und die Kopf-Balance-Rotation dazu. So übst du Atmung, Schlucken und Kopfbalance im selben Ablauf.

Animation: Grundübung im Sitzen mit Aufbeißen und Schlucken, der Kopf bleibt balanciert.
  1. Ab Tag 1

    Grundübung

    Dreimal täglich wenige Minuten mit dem FaceFormer ZERO.

  2. Nach wenigen Wochen

    Zugübung und Nacht

    Die Zugübung kommt dazu, nachts trägst du den FaceFormer ZERO.

  3. Nach einigen Wochen

    Wechsel auf den ONE

    Tagsüber der FaceFormer ONE, gleich groß wie der ZERO, nur aus festerem Material.

  4. Im weiteren Verlauf

    Kopf-Balance-Rotation

    Die Drehung des Kopfes verbindet das Training mit der Halsmuskulatur.

  5. Über 6 bis 12 Monate

    Das Muster läuft von selbst

    Danach folgt ein Erhaltungstraining.

Die kostenlose FaceFormer-App leitet die Grundübungen an, alle Module findest du auf den Übungsseiten. Eine randomisierte Studie zur FaceFormer-Therapie bei Beinlängendifferenz oder Fußfehlstellungen gibt es bisher nicht. Aus dem Fehlen einer Untersuchung folgt nicht, dass der Zusammenhang nicht besteht, sondern dass er nicht geprüft ist. Alle eigenen Arbeiten stehen unter Studien und Wissenschaft.

Alltag

Füße fordern, Kopf balancieren: Ideen für den Alltag

01

Öfter barfuß

Geh zu Hause, im Garten oder am Strand barfuß. Unebener Boden fordert die kleinen Fußmuskeln bei jedem Schritt.

02

Standbein wechseln

Im Stehen darfst du ein Bein ausstellen. Wechsle nur öfter die Seite, statt stets dasselbe Bein zu belasten.

03

Schuhe mit Platz

Schuhe mit genug Raum für die Zehen und einer flexiblen Sohle lassen den Fuß arbeiten.

04

Lippen zu, Nase auf

Die Lippen liegen locker aneinander, die Zungenspitze am Gaumen hinter den oberen Schneidezähnen. Das hilft dem Kopf in die Balance.

05

Blick geradeaus

Stell Bildschirm und Laptop auf Augenhöhe und heb das Handy an, statt den Kopf zu senken.

06

Einlagen besprechen

Trägst du Einlagen, sprich mit deiner Praxis darüber, wofür sie gedacht sind und ob du sie ergänzend zum Training schrittweise seltener tragen kannst.

Fragen

Häufig gefragt

Ist eine Beinlängendifferenz normal?

Ja. In Röntgenmessungen haben rund 90 % der Menschen ungleich lange Beine, im Mittel um etwa einen halben Zentimeter. Für die meisten Menschen gilt ein Unterschied erst ab etwa 2 cm als klinisch bedeutsam. Kleinere Differenzen sind eine normale Variante des Körperbaus.

Ab wann sollte man eine Beinlängendifferenz ausgleichen?

Bei einer echten knöchernen Differenz, etwa nach einem Unfall, einer Wachstumsstörung oder einem Gelenkersatz, und ab etwa 2 cm kann ein Ausgleich im Schuh das Gangbild verbessern. Bei wenigen Millimetern ist aus unserer Sicht zuerst zu fragen, ob das Bein nur kürzer wirkt, weil Muskelspannung und Beckenstand verändert sind.

Kann eine Beinlängendifferenz Rückenschmerzen verursachen?

Für kleine Differenzen ist das nicht belegt. In einer finnischen Studie hatten Menschen ohne Rückenschmerzen im Mittel dieselbe Beinlängendifferenz wie Menschen mit starken Kreuzschmerzen, und auch eine englische Fall-Kontroll-Studie fand keinen Zusammenhang. Aus unserer Sicht liegt die Ursache im Regelfall in der Körperstatik, die von der Kopfbalance ausgeht.

Helfen Einlagen gegen Rückenschmerzen?

Eine Cochrane-Übersicht mit sechs randomisierten Studien fand starke Belege, dass Einlagen Rückenschmerzen nicht vorbeugen. Zur Behandlung bestehender Rückenschmerzen lässt die Datenlage keine Aussage zu. Einlagen können sich angenehm anfühlen, das Bewegungsmuster verändern sie nicht.

Was hat das Bundessozialgericht zu sensomotorischen Einlagen entschieden?

Am 12. Juni 2025 entschied das Bundessozialgericht, dass gesetzliche Krankenkassen sensomotorische Einlagen nicht bezahlen dürfen. Sie gelten als neue Behandlungsmethode ohne positive Empfehlung des Gemeinsamen Bundesausschusses, ihr medizinischer Nutzen ist bislang nicht nachgewiesen.

Brauchen Kinder mit Plattfuß Einlagen?

Nach der Wiener Studie im Regelfall nicht. Bei Dreijährigen hatte in einer Wiener Studie mehr als die Hälfte einen flexiblen Plattfuß, bei Sechsjährigen noch knapp ein Viertel, krankhaft waren weniger als 1 %. Bewegung und Barfußgehen fordern den Fuß. Ist ein Kinderfuß steif oder schmerzhaft, gehört er in die Abklärung.

Soll ich meine Einlagen einfach weglassen?

Nicht auf eigene Faust. Unser Ziel ist aber, dass der Fuß seine Arbeit wieder selbst leisten kann und die Einlage mit der Zeit entbehrlich wird. Das geschieht schrittweise und gemeinsam mit deiner Praxis, während du Fuß und Basisfunktionen trainierst. Bei echten Indikationen wie einer deutlichen knöchernen Differenz, Diabetes oder schweren Fehlstellungen bleibt die Einlage.

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Dr. Klaus-Jürgen Berndsen
Dr. Klaus-Jürgen BerndsenEntwickler der FaceFormer-Therapie. Inhaltliche Grundlage: das Buch „Trust the Triad“. Stand: September 2026.

Quellen

  1. Knutson GA (2005). Anatomic and functional leg-length inequality: a review and recommendation for clinical decision-making. Part I, anatomic leg-length inequality: prevalence, magnitude, effects and clinical significance. Chiropractic & Osteopathy 13:11. PMID 16026625. Quelle
  2. Knutson GA (2005). Anatomic and functional leg-length inequality: a review and recommendation for clinical decision-making. Part II. The functional or unloaded leg-length asymmetry. Chiropractic & Osteopathy 13:12. PMID 16080787. Quelle
  3. Soukka A, Alaranta H, Tallroth K, Heliövaara M (1991). Leg-length inequality in people of working age. The association between mild inequality and low-back pain is questionable. Spine 16(4):429-431. PMID 1828627. Quelle
  4. Grundy PF, Roberts CJ (1984). Does unequal leg length cause back pain? A case-control study. The Lancet 2(8397):256-258. PMID 6146810. Quelle
  5. Sahar T, Cohen MJ, Ne’eman V, Kandel L, Odebiyi DO, Lev I, Brezis M, Lahad A (2007). Insoles for prevention and treatment of back pain. Cochrane Database of Systematic Reviews (4):CD005275. PMID 17943845. Quelle
  6. Bundessozialgericht, Urteil vom 12.06.2025, Az. B 3 KR 12/23 R (sensomotorische Einlagen, Hilfsmittelversorgung). Quelle
  7. Pfeiffer M, Kotz R, Ledl T, Hauser G, Sluga M (2006). Prevalence of flat foot in preschool-aged children. Pediatrics 118(2):634-639. PMID 16882817. Quelle
  8. Ridge ST, Olsen MT, Bruening DA, Jurgensmeier K, Griffin D, Davis IS, Johnson AW (2019). Walking in Minimalist Shoes Is Effective for Strengthening Foot Muscles. Medicine & Science in Sports & Exercise 51(1):104-113. PMID 30113521. Quelle

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