
Fachartikel Ohr
TinnitusWas Ohr, Kiefer und Nacken verbindet
Es pfeift, rauscht oder summt im Ohr? Hier erfährst du, was Tinnitus ist, warum das Gehirn die Hauptrolle spielt, was Kiefer, Nacken und Ohrtrompete damit zu tun haben und warum wir auf Atmung, Schlucken und Kopfbalance schauen.
Kennst du das?
Es pfeift im Ohr, und außer dir hört es niemand?
Was trifft auf dich zu?
Tippe an, was auf dich zutrifft.
Treffen mehrere Punkte zu, lohnt ein Blick über das Ohr hinaus. Verändert sich das Geräusch über Kiefer oder Nacken, verrechnet dein Nervensystem Signale aus Kopf und Hals mit dem Hören. Kam es dagegen plötzlich und hörst du zugleich schlechter, lass das zuerst zeitnah ärztlich abklären.
Plötzlich aufgetreten? Das ist zu tunWenn Kiefer und Nacken mitspielenDas Wichtigste in Kürze
- Tinnitus ist ein Ohrgeräusch ohne äußere Schallquelle. Erzeugt und aufrechterhalten wird er in der Hörbahn des Gehirns, nicht allein im Ohr.
- Bei vielen Betroffenen verändert sich das Geräusch mit Bewegungen von Kiefer und Nacken, denn der Hirnstamm verrechnet sie mit dem Hören.
- Aus unserer Sicht steht am Anfang im Regelfall ein gestörtes Zusammenspiel von Atmung, Schlucken und Kopfbalance. Seine Korrektur setzen wir voraus, denn sie schafft die Voraussetzung, dass sich ein Tinnitus bessern kann. Verhaltenstherapie und Hörgerät helfen beim Umgang mit dem Geräusch, am Muster setzen sie nicht an. Plötzlicher Tinnitus mit Hörverlust gehört zuerst ärztlich abgeklärt.
Video
Tinnitus: Spuren im Gehirn, Neues aus der Neurowissenschaft
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Grundlagen
Was ist Tinnitus? Ein Geräusch ohne Quelle
Pfeifen im Ohr, Ohrensausen, Rauschen, Summen oder Brummen: Tinnitus hat viele Klangfarben. Gemeinsam ist ihnen, dass kein Schall von außen dahintersteht.
Das Wort stammt vom lateinischen tinnire, klingeln. Gemeint ist jeder Ton, für den es in der Umgebung keine Quelle gibt. In der Regel hört ihn nur der Betroffene selbst, und weil ihn niemand messen kann, fühlen sich viele nicht ernst genommen. Dabei ist Tinnitus real und kann Konzentration und Schlaf erheblich belasten.
Wann zum Arzt
Plötzlicher Tinnitus: zuerst abklären
Nicht jedes Ohrgeräusch ist ein Eilfall. Kommt es plötzlich, zusammen mit schlechterem Hören, ist Eile angebracht.
Ein Hörsturz ist ein plötzlicher Hörverlust auf einem Ohr, oft begleitet von Tinnitus, Druckgefühl oder Schwindel. Die amerikanische Leitlinie zum Hörsturz empfiehlt, das Hören so bald wie möglich und spätestens innerhalb von 14 Tagen messen zu lassen. Die Behandlungsoptionen, die sie nennt, setzen früh an, die erste innerhalb von zwei Wochen nach Beginn2. Ob eine solche Behandlung für dich infrage kommt, entscheidet die ärztliche Praxis.
Plötzlich schlechter hören
Ein Ohr hört von einem Tag auf den anderen dumpf oder wie durch Watte.
Pochen im Herzschlag
Ein pulsierendes Geräusch, das dem Herzschlag folgt.
Schwindel oder Ausfälle
Heftiger Drehschwindel, Taubheit im Gesicht, Lähmungen oder Sehstörungen.
Nach Knall oder Unfall
Tinnitus nach einem Knalltrauma, einer Kopfverletzung oder mit Ohrenschmerzen und Ausfluss.
Das ist ein berechtigter Abklärungsfall, keine Formalie. Beim lange bestehenden Tinnitus ohne solche Zeichen lautet die Frage eine andere: nicht mehr, ob ein akuter Schaden vorliegt, sondern was das Geräusch aufrechterhält.
Das FaceFormer-Training lässt sich mit ärztlicher Behandlung und Hörgerät kombinieren. Verordnetes setzt du nicht eigenmächtig ab, sondern besprichst Änderungen mit deiner Praxis.
Hörbahn
Warum Tinnitus im Gehirn entsteht
Wir hören mit den Ohren, aber was wir hören, entscheidet das Gehirn.
Schall bringt das Trommelfell zum Schwingen. Die Gehörknöchelchen im Mittelohr übertragen die Schwingung auf die Hörschnecke, und dort wird sie in elektrische Impulse übersetzt.
Über den Hörnerv laufen die Impulse zum Hirnstamm und weiter zur Hörrinde. Erst dort wird aus einem Impulsmuster ein Klang. Tinnitus ist ein solches Muster, dem kein Schall vorausging.

Das Ohr liefert oft den Anlass. Das Gehirn hält den Ton.Tinnitus ist weniger ein Defekt, den man im Ohr sieht, als ein Muster, das die Hörbahn gelernt hat.
Der Tübinger HNO-Arzt Hans Peter Zenner beschrieb dafür das Modell des sekundär zentralisierten Tinnitus. Ein Auslöser im Ohr, etwa Lärm, erzeugt ein Signal. Hält es an, lernt die Hörbahn, das Geräusch selbst zu erzeugen, auch wenn der Auslöser abgeklungen ist3. Eine Übersicht zu Tierversuchen aus Michigan zeigt, wo das beginnen kann. Im Hörkern des Hirnstamms werden Signale aus dem Ohr mit Signalen aus Kopf und Hals verrechnet. Verschiebt sich dieses Gleichgewicht, steigt die Eigenaktivität der Nervenzellen4.
Wie ein Radio bei schwachem Sender
Wird ein Sender schwach, dreht man die Lautstärke hoch, und mit dem Programm wird auch das Rauschen lauter. So ähnlich kann die Hörbahn reagieren, wenn aus dem Ohr weniger oder verändertes Signal ankommt. Sie macht dabei ein Grundrauschen hörbar.
Somatischer Tinnitus
Wenn Kiefer und Nacken den Ton verändern
Viele Betroffene bemerken, dass ihr Ohrgeräusch lauter, leiser oder anders wird, wenn sie die Zähne zusammenbeißen oder den Kopf drehen. Das ist kein Zufall.
Der Bostoner HNO-Arzt Robert Levine beschrieb 1999 Patienten, deren Tinnitus mit Beschwerden an Kopf oder oberem Nacken zusammenhing. Das Geräusch lag auf derselben Seite wie das Problem, das Gehör war beidseits gleich und oft normal. Er erklärte das über den Hörkern im Hirnstamm, in dem über Umschaltstellen auch Signale aus dem Trigeminus und aus dem Nacken ankommen5. Man spricht von somatischem oder somatosensorischem Tinnitus.
von 121 Tinnitus-Patienten konnten ihr Ohrgeräusch durch gezielte Muskelanspannung verändern6
von 100 Gesunden ohne Tinnitus hörten bei denselben Manövern einen Ton6
an Kopf, Hals, Armen und Beinen wurden in São Paulo geprüft. Kopf und Hals wirkten deutlich stärker6
Beiß kurz kräftig die Zähne zusammen, schieb dann den Unterkiefer vor und drück zuletzt die Stirn gegen deine Handfläche. Was passiert mit dem Geräusch?
Wenn Muskeln an Kiefer und Hals den Ton verändern, verarbeitet das Nervensystem Hören und Körper nicht getrennt. Aus unserer Sicht liegt die Ursache eines lange bestehenden Tinnitus deshalb im Regelfall nicht allein im Ohr, sondern im Muster, mit dem Kiefer, Zunge und Nacken den ganzen Tag arbeiten.
Kiefer und CMD
Tinnitus und Kiefer: Nachbarn mit gemeinsamer Leitung
Das Kiefergelenk sitzt direkt vor dem Gehörgang. Die Nähe ist mehr als räumlich.
Schläfenmuskel und Kaumuskel halten den Unterkiefer in der Schwebe. Versorgt werden sie vom dritten Ast des Trigeminus. Derselbe Ast versorgt den Spanner des Gaumensegels, der beim Schlucken die Ohrtrompete öffnet, und einen kleinen Muskel im Mittelohr, der am Hammer zieht.
Kaufunktion, Gaumensegel und Mittelohr hängen also an einer gemeinsamen Leitung. Wer den Kiefer über Jahre anders benutzt, etwa mit Pressen, verändert aus unserer Sicht die Bedingungen dieses Astes mit.
der Patienten mit Kiefergelenk- oder Kaumuskelbeschwerden hatten in einer Regensburger Zahnklinik Tinnitus, ohne solche Beschwerden 4,4 %, bei 951 Untersuchten7
betrug der mittlere Tinnitus-Anteil bei CMD in einer Übersicht über 22 Studien, in den Vergleichsgruppen 12 %8
In Regensburg lagen einseitige Kieferbeschwerden und einseitiger Tinnitus bei allen Betroffenen auf derselben Seite7. Die schwedische Übersicht betrachtet Tinnitus deshalb als Begleiterkrankung der CMD. Ob die Behandlung des Kiefers auch das Ohrgeräusch beeinflusst, halten die Autoren mangels Kontrollgruppen für noch nicht ausreichend belegt8.
Eine randomisierte Studie aus Antwerpen liefert einen Hinweis. Von 80 Patienten mit kieferbezogenem Tinnitus bekam die Hälfte Physiotherapie im Gesichtsbereich, bei Bedarf mit Schiene. Ihre Tinnitusbelastung sank stärker, etwa ein Drittel dieses Effekts ging auf weniger Kieferschmerz zurück9. Aus unserer Sicht setzt eine Schiene die Lage des Kiefers von außen, die Führung durch die Muskeln trainiert sie nicht. Mehr dazu in CMD verstehen.
Nacken und Kopfbalance
Tinnitus und Nacken: was die Kopfbalance beiträgt
Der Kopf wiegt mehrere Kilogramm und balanciert auf der Halswirbelsäule. Wie gut das gelingt, spüren nicht nur Nacken und Schultern.
Eine Übersicht aus Groningen über 22 Studien fand, dass Menschen mit Tinnitus häufiger über Beschwerden der Halswirbelsäule berichten. Wegen methodischer Schwächen werten die Autoren den Zusammenhang als schwach belegt10. Die Nerven des oberen Nackens melden an den Hirnstamm, in dem auch die Hörbahn verschaltet ist5.
von 38 Patienten mit Tinnitus und Nackenbeschwerden erlebten nach sechs Wochen Physiotherapie am Nacken eine deutliche Besserung des Ohrgeräuschs11
berichteten diese Besserung sechs Wochen nach Ende der Behandlung noch11
Dass eine Behandlung am Nacken das Ohrgeräusch lindern kann, spricht für eine funktionelle Ursache. Dass die Wirkung bei vielen wieder nachlässt, zeigt aus unserer Sicht, dass die Ursache nicht behoben war. Passive Behandlungen nehmen den Muskeln Arbeit ab. Hängt der Kopf im Alltag weiter vor dem Körper, übernehmen sie danach wieder dieselbe Haltearbeit.
Mittelohr
Ohrtrompete und Schlucken: das Ohr lüftet mit
Das Mittelohr ist ein kleiner, luftgefüllter Raum hinter dem Trommelfell. Belüftet wird er vom Rachen aus.
Vom Nasenrachen führt die Ohrtrompete, auch Eustachische Röhre genannt, zum Mittelohr. Im Normalzustand ist sie geschlossen. Beim Schlucken und Gähnen öffnet sie der Spanner des Gaumensegels, dessen Fasern an ihrer Wand ansetzen, und der Druck gleicht sich aus.
Wie viel der Muskel dazu beiträgt, zeigte ein Versuch an zwölf Affen in Pittsburgh. Nach seiner Lähmung veränderten sich die mechanischen Eigenschaften der Ohrtrompete messbar12.

Jeder Schluck ist auch ein Belüftungsvorgang für das Mittelohr.Wir schlucken viele hundert bis tausend Mal am Tag. Wie sauber dieser Ablauf ist, entscheidet mit, wie gut das Ohr belüftet wird.
Zunge und Gaumensegel sind über Muskeln gekoppelt. Legt sich die Zunge beim Schlucken an den Gaumen, strafft und hebt sich das Segel, und die Ohrtrompete öffnet sich. Aus unserer Sicht gelingt das nur dann ausreichend, wenn Zunge, Gaumensegel und Nasenatmung zusammenspielen. Bei Mundatmung und einer Zunge, die gegen die Zähne drückt, fehlt dieser Zug.

Ein dumpfes Ohr, Druck oder Knacken beim Schlucken sind typische Zeichen einer schlecht belüfteten Ohrtrompete. Aus unserer Sicht beginnt das Muster oft früh. Bei Kindern zeigt es sich häufig als Mittelohrentzündung, vergrößerte Rachenmandel oder wiederkehrende Erkältung, später als Druck auf dem Ohr, Geräuschempfindlichkeit, Hörsturz oder Tinnitus. Diese Stationen werden in der Regel getrennt behandelt und selten als Kette gesehen. Geprüft ist die Kette als Ganzes nicht, sie ist unser Modell. Mehr im Artikel Ohrendruck und Druckausgleich.
Die Triade
Tinnitus Ursachen: der gemeinsame Nenner
Kiefer, Nacken und Ohrtrompete sind drei Wege zum Ohr. Aus unserer Sicht haben sie einen gemeinsamen Ausgangspunkt.
Im Binnensystem aus Nase, Mund und Rachen laufen Atmung und Schlucken. Beim Schlucken legt sich die Zunge von der Zungenreferenzlage aus an den Gaumen, das Gaumensegel hebt sich, die Ohrtrompete öffnet sich.
Das Außensystem aus Halswirbelsäule und Nackenmuskulatur trägt die Kopfbalance. Bei Mundatmung oder einem Kopf, der nach vorn wandert, leisten Kau-, Hals- und Nackenmuskeln Ersatzarbeit.

Atmung, Schlucken und Kopfbalance laufen rund um die Uhr und werden im Hirnstamm gesteuert, in Nachbarschaft der Hörkerne. Aus unserer Sicht liegt der Ausgangspunkt eines lange bestehenden Tinnitus deshalb im Regelfall in einem gestörten Zusammenspiel dieser drei Funktionen. Wir nennen es den Triadischen Funktionskreis. Er steht am Anfang vieler Kausalketten, und das Ohrgeräusch kann ein spätes, gut hörbares Glied davon sein.
Eine Basisfunktion kippt
Oft schon in der Kindheit, mit Mundatmung oder einem veränderten Schluckmuster, später mit einem Kopf, der am Bildschirm nach vorn wandert.
Muskeln leisten Ersatzarbeit
Kaumuskeln pressen, Nackenmuskeln halten den Kopf, die Zunge drückt gegen die Zähne.
Die Meldungen ändern sich
Aus Kiefer und Nacken kommen veränderte Signale im Hirnstamm an, die Ohrtrompete öffnet sich schwächer.
Die Hörbahn verrechnet mit
Im Hörkern verschiebt sich das Gleichgewicht, die Eigenaktivität steigt.
Der Ton wird hörbar
Stress, Müdigkeit oder Stille verstärken ihn. Sie erklären, warum er sich gerade jetzt zeigt.
Dahinter steht ein einfaches Prinzip. Muskulatur, die nicht in ihre eigentliche Funktion eingebunden ist, erschlafft oder wird für fremde Aufgaben eingespannt. Laufen Atmung, Schlucken und Kopfbalance im Alltag wieder richtig ab, wird jede Muskelgruppe für ihre eigene Aufgabe gebraucht und behält ihre ausgewogene Spannung. Dann können sich auch die Meldungen an den Hirnstamm wieder normalisieren.
Abweichungen bei Atmung, Schlucken und Kopfbalance sind sehr verbreitet und werden bei der Abklärung eines lange bestehenden Tinnitus aus unserer Sicht zu wenig beachtet. Wir setzen ihre Korrektur voraus, weil diese Funktionen die Bedingungen bestimmen, unter denen Kiefer, Nacken, Mittelohr und Hörbahn arbeiten. Das beruht auf unserer klinischen Beobachtung, kontrollierte Studien dazu gibt es nicht. Das Training schafft damit die Voraussetzung dafür, dass sich ein Tinnitus bessern kann, ein Versprechen ist das nicht.
Behandlungen
Tinnitus behandeln: die Ansätze eingeordnet
Wer lange mit Tinnitus lebt, hat oft schon einiges versucht. Die gängigen Verfahren verfolgen unterschiedliche Ziele.
Verhaltenstherapie, Entspannung, Geräuschangebote und Hörgerät zielen darauf, besser mit dem Geräusch zurechtzukommen, denn Angst und Aufmerksamkeit verstärken es. Was den Ton in der Hörbahn aufrechterhält, ist nicht ihr Ziel. Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie. Eine Cochrane-Übersicht über 28 Studien mit 2.733 Teilnehmern fand eine geringere Belastung, bei niedriger Beweislage. Daten nach sechs und zwölf Monaten fehlen13.
weniger im Tinnitus-Fragebogen (0 bis 100) als ohne Behandlung, gemessen am Ende der Therapie13
betrug der Unterschied zur audiologischen Versorgung, zu anderen aktiven Verfahren 5,8 Punkte13
gelten als Schwelle, ab der ein Unterschied klinisch bedeutsam ist. Beide Vergleiche liegen darunter13
Eine Stütze im Umgang mit dem Geräusch, keine Antwort auf die Frage, warum es bleibt.So ordnen wir Verhaltenstherapie, Entspannung, Geräuschangebote und Hörgerät ein. Sie können die Belastung verringern, am Muster dahinter setzen sie aus unserer Sicht nicht an.
Die amerikanische Leitlinie zum Hörsturz rät mit starker Empfehlung davon ab, durchblutungsfördernde und gefäßaktive Mittel routinemäßig zu verordnen2. Für einen lange bestehenden Tinnitus sehen wir dafür erst recht keine Grundlage. Eine Durchblutungsstörung erklärt im Regelfall nicht, warum ein Geräusch über Monate und Jahre bleibt, das die Hörbahn selbst aufrechterhält.
Mit dem Ton umgehen
- Verhaltenstherapie, Entspannung, Geräuschangebote, Hörgerät
- Ziel: die Belastung durch das Geräusch verringern
- Setzt an Wahrnehmung und Aufmerksamkeit an
Beim Muster ansetzen
- Training von Atmung, Schlucken und Kopfbalance
- Ziel: die Funktionen wieder physiologisch einstellen
- Setzt an Kiefer, Zunge, Nacken und Ohrbelüftung an
Beides schließt sich nicht aus. Wer eine Verhaltenstherapie macht oder ein Hörgerät trägt, kann parallel trainieren.
Training
Tinnitus Übungen: das Muster trainieren
Gute Vorsätze für Kiefer und Kopf halten, bis die Aufmerksamkeit woanders ist. Dann kehrt das alte Muster zurück. Ein Bewegungsmuster ist ein gespeicherter Ablauf, und der ändert sich durch Wiederholung. Unser Ansatz ist deshalb das Training von Atmung, Schlucken und Kopfbalance in einem gemeinsamen Ablauf.
Der FaceFormer liegt im Mundvorhof, hinter den Lippen und vor den Zähnen. Die Zungenspitze liegt an der kleinen Erhebung hinter den oberen Schneidezähnen, du atmest durch die Nase, der Kopf ist aufrecht balanciert.
In der Grundübung drückst du den Lippenkeil mit den Lippen zusammen, beißt kurz mit den Backenzähnen auf und schluckst. Danach stehen die Zähne wieder leicht auseinander.
Ab etwa Woche 6 kommt die Kopf-Balance-Rotation dazu. Du presst den Lippenkeil und drehst den Kopf mit gestrecktem Nacken langsam zur Seite, beißt dort kurz auf, schluckst und drehst zurück.
Für die Belüftung des Mittelohrs gibt es den AirFlip, kurze Druckwechsel bei verschlossener Nase. Ob und wann er für dich passt, besprichst du am besten mit einer Praxis.

- Ab Tag 1
Grundübung
Dreimal täglich wenige Minuten mit dem FaceFormer ZERO, die Wiederholungen steigerst du Woche für Woche.
- Ab etwa Woche 3
Zugübung und Nacht
Die Zugübung kommt dazu. Nachts trägst du den FaceFormer ZERO, sobald die Grundübung sitzt.
- Nach einigen Wochen
Wechsel auf den ONE
Tagsüber trainierst du mit dem FaceFormer ONE. Er ist gleich groß und geformt wie der ZERO, nur aus festerem Material.
- Ab etwa Woche 6
Kopfbalance
Die Kopf-Balance-Rotation bindet die Muskulatur ein, die den Kopf hält.
- Über Monate
Das Muster läuft von selbst
Bis die neuen Abläufe ohne Nachdenken laufen, rechnet das Übungsmanual mit sechs bis zwölf Monaten.
Training ist ein Lernprozess und kein Schalter. Selbst wenn sich Kiefer, Nacken oder die Belüftung des Mittelohrs bereits verändern, kann der Ton aus unserer Sicht noch längere Zeit wahrnehmbar bleiben, denn die Hörbahn hält an einem gelernten Muster fest. Ob und wann sich das Geräusch verändert, lässt sich nicht vorhersagen. Ein gleichbleibender Ton allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie weit dein Training schon ist.
Manche Anwender berichten, dass der Ton leiser wurde oder in den Hintergrund trat, nachdem sie über Monate an Atmung, Schlucken und Kopfbalance gearbeitet haben. Das sind Einzelfälle und kein Versprechen. Sie zeigen aber, dass es sich lohnen kann, dranzubleiben.
Die kostenlose FaceFormer-App leitet die Grundübungen an, alle Module findest du auf den Übungsseiten. Achte auch auf kleine Veränderungen, etwa ob Kiefer und Nacken lockerer werden.
Alltag
Mit Tinnitus im Alltag
Zähne in der Schwebe
Außer beim Kauen und Schlucken berühren sich die Zähne nicht. Ertappst du dich beim Pressen, lös die Zähne und leg die Zungenspitze an den Gaumen.
Lippen zu, Nase auf
Die Lippen liegen locker aneinander, die Luft nimmt den Weg durch die Nase.
Kopf über dem Körper
Richte Bildschirm und Sitz so ein, dass dein Kopf über dem Körper balanciert.
Stille nicht erzwingen
In völliger Stille tritt der Ton stärker hervor. Ein leises Hintergrundgeräusch kann abends entlasten.
Verordnetes nicht eigenmächtig absetzen
Hörgerät, Schiene oder Medikamente auf ärztlichen Rat änderst du nur in Absprache mit deiner Praxis. Das Training lässt sich damit kombinieren.
Fragen
Häufig gefragt
Was ist Tinnitus?
Tinnitus ist ein Ton oder Geräusch ohne äußere Schallquelle, etwa ein Pfeifen im Ohr, Rauschen, Summen oder Brummen. In der Regel hört ihn nur der Betroffene. Besteht er länger als drei Monate, spricht man von chronischem Tinnitus. Weltweit hat etwa jeder siebte Erwachsene irgendeine Form davon.
Welche Ursachen hat Tinnitus?
Häufige Auslöser sind Lärm, Schwerhörigkeit, Entzündungen oder ein Hörsturz. Aufrechterhalten wird das Geräusch in der Hörbahn des Gehirns. Viele Betroffene können den Ton über Kiefer und Nacken verändern. Aus unserer Sicht liegt der Ausgangspunkt eines lange bestehenden Tinnitus im Regelfall im gestörten Zusammenspiel von Atmung, Schlucken und Kopfbalance.
Kann Tinnitus vom Kiefer kommen?
Das Kiefergelenk sitzt direkt vor dem Gehörgang, und derselbe Nervenast versorgt Kaumuskeln, den Öffner der Ohrtrompete und einen Muskel im Mittelohr. Menschen mit CMD haben deutlich häufiger Tinnitus. Verändert sich das Geräusch beim Zusammenbeißen, spricht das für diese Verbindung.
Kann Tinnitus vom Nacken kommen?
Die Nerven des oberen Nackens melden an denselben Hirnstamm, in dem die Hörbahn verschaltet ist. Menschen mit Tinnitus berichten häufiger über Nackenbeschwerden, und Behandlungen am Nacken konnten in Studien das Ohrgeräusch lindern. Aus unserer Sicht spielt die Kopfbalance dabei eine zentrale Rolle.
Wann muss ich mit Tinnitus zum Arzt?
Zeitnah, wenn das Geräusch plötzlich auftritt und du zugleich schlechter hörst, wenn es im Herzschlag pocht, wenn heftiger Schwindel oder neurologische Ausfälle dazukommen oder nach einem Knall oder Unfall. Beim Hörsturz zählen die ersten zwei Wochen. Über Medikamente entscheidet die ärztliche Praxis.
Geht Tinnitus wieder weg?
Ein neu aufgetretenes Ohrgeräusch kann von selbst leiser werden oder abklingen, zusagen kann das niemand. Beeinflussen lassen sich die Bedingungen, unter denen die Hörbahn arbeitet. Dazu gehören aus unserer Sicht die Meldungen aus Kiefer und Nacken und die Belüftung des Mittelohrs, also Atmung, Schlucken und Kopfbalance.
Welche Übungen gibt es bei Tinnitus?
Im FaceFormer-Training übst du Atmung, Schlucken und Kopfbalance in einem Ablauf, beginnend mit der Grundübung. Ab etwa Woche 6 kommt die Kopf-Balance-Rotation für Hals und Nacken dazu. Für die Belüftung des Mittelohrs gibt es den AirFlip, den du am besten mit einer Praxis absprichst.
Ist Stress die Ursache von Tinnitus?
Stress kann Tinnitus verstärken und erklären, warum er in belastenden Phasen lauter wird. Als alleinige Ursache sehen wir ihn nicht, sonst hätte jeder Mensch unter Stress ein Ohrgeräusch. Aus unserer Sicht trifft Stress die Stelle, die ohnehin schon belastet ist.
Seit ich trainiere, ist mein Tinnitus lauter. Soll ich weitermachen?
Das kommt am Anfang vor und ist meist kein schlechtes Zeichen. Das Training stellt Muster um, die oft seit der Kindheit bestehen: Kopfbalance, Kieferhaltung, Muskelspannung im Nacken, Druckausgleich. In den ersten Wochen reagiert das System darauf. Manche spüren Muskelkater im Nacken oder Hinterkopf, andere hören ihr Ohrgeräusch vorübergehend deutlicher. Nimm dann die Belastung zurück: nur die Grundübung mit 8 Wiederholungen, jeden Tag eine mehr bis 20, erst danach Zugübungen und die Nacht dazu. Achte auf saubere Ausführung statt Kraft. Wird das Geräusch plötzlich deutlich stärker oder kommen Hörminderung oder Schwindel hinzu, lass das zeitnah ärztlich abklären.
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Quellen
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