Gesichtslähmung (Fazialisparese): Ursachen, Verlauf und was gezieltes Training leisten kann

Fachartikel Gesicht

GesichtslähmungWas Training leisten kann und was nicht

Eine Gesichtshälfte hängt, das Lächeln bleibt einseitig, beim Trinken läuft etwas heraus? Hier erfährst du, was hinter einer Fazialisparese steckt, was die Medizin in den ersten Tagen tut, was Studien zu Gesichtsübungen zeigen und wie Lippenschluss, Schlucken und Atmung mittrainiert werden.

Kennst du das?

Eine Gesichtshälfte macht nicht mehr mit, und jetzt?

Was trifft auf dich zu?

Tippe an, was auf dich zutrifft.

Tritt eine Gesichtslähmung plötzlich auf, gehört sie umgehend ärztlich abgeklärt, bei zusätzlicher Schwäche in Arm oder Bein oder bei Sprachstörungen über den Notruf 112. Was danach im Alltag bleibt, betrifft oft Lippenschluss, Trinken, Schlucken und Nasenatmung. Diese Funktionen lassen sich trainieren.

Wann es ein Notfall istWas Studien zu Übungen zeigen
Das ersetzt keine Untersuchung. Es zeigt dir nur, wo du in diesem Artikel weiterlesen kannst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Gesichtslähmung ist eine Störung des Gesichtsnervs, des Nervus facialis. Am häufigsten ist die Bell-Parese ohne erkennbaren Auslöser, dazu kommen etwa Gürtelrose am Ohr (Ramsay-Hunt-Syndrom), Borreliose, Operationen und der Schlaganfall.
  • Die Erkrankung behandelt die Medizin, bei der Bell-Parese mit Kortison in den ersten 72 Stunden. Viele erholen sich weitgehend, ein Teil behält Restschwäche oder Mitbewegungen.
  • Training repariert keinen Nerv. Es setzt an Lippenschluss, Schlucken und Nasenatmung an und kann die Voraussetzungen schaffen, dass die noch angesteuerten Muskeln in ihr Funktionsmuster eingebunden bleiben. Studien zu Gesichtsübungen sind klein und überwiegend positiv, zum FaceFormer bei Gesichtslähmung gibt es keine.

Video

Gesichtslähmung und Ramsay-Hunt-Syndrom: Ursachen und Folgen verstehen

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Anatomie

Der Gesichtsnerv: ein Nerv für die ganze Mimik

Wer von einer Gesichtslähmung spricht, meint in der Regel eine Störung des Gesichtsnervs. Die Fachsprache nennt sie Fazialisparese.

Der Nervus facialis ist der siebte von zwölf Hirnnerven. Er verlässt den Hirnstamm, zieht durch einen engen Knochenkanal im Felsenbein nahe dem Innenohr und tritt unterhalb des Ohrs aus dem Schädel. In der Ohrspeicheldrüse fächert er sich in Äste für Stirn, Augenlid, Wange, Mund und Kinn auf.

FazialisDer Gesichtsnerv, siebter Hirnnerv, bewegt die mimische Muskulatur
PareseDie Lähmung, als Schwäche oder als vollständiger Ausfall
Peripher oder zentralDer Schaden sitzt am Nerv selbst oder im Gehirn, etwa nach einem Schlaganfall

Nebenbei führt der Nerv Fasern für den Geschmack vorn auf der Zunge, für Tränen und Speichel und für einen kleinen Muskel im Mittelohr, der bei Lärm dämpft. Er ist einer von sechs Hirnnerven, die für Atmung, Schlucken und Kopfbalance zusammenarbeiten, ein anderer ist der Vagusnerv.

Ohne ihn kein Mundschluss.Alle Muskeln, die die Lippen schließen, die Wange an die Zahnreihe legen und den Mundwinkel führen, hängen am Gesichtsnerv. Seitlich am Mundwinkel treffen sie sich in einem Knoten aus Muskelfasern, dem Modiolus.

Der Lippenring hat keinen eigenen Knochen, gegen den er zieht. Gespannt wird er von beiden Seiten, über die Muskeln, die am Modiolus einstrahlen. Fällt eine Seite aus, zieht die gesunde den Mund zu sich hinüber. So entsteht der typische schiefe Mund.

Ein dichter, locker geschlossener Mund ist deshalb Teamarbeit beider Gesichtshälften, mehr dazu im Artikel Lippen: ein Muskel mit Aufgabe.

Locker geschlossene Lippen um den FaceFormer: Beide Gesichtshälften arbeiten gleichmäßig.
Locker geschlossene Lippen um den FaceFormer: Beide Gesichtshälften arbeiten gleichmäßig.

Ursachen

Bell-Parese, Ramsay-Hunt, Schlaganfall: woher die Lähmung kommt

Eine Gesichtslähmung ist ein Befund, noch keine Diagnose. Dahinter können sehr verschiedene Ursachen stehen.

Die häufigste Form ist die Bell-Parese, auch idiopathische Fazialisparese genannt. Die Leitlinie der amerikanischen HNO-Fachgesellschaft beschreibt sie als rasch einsetzende, einseitige Schwäche oder Lähmung des Gesichtsnervs ohne erkennbare Ursache. Die Leitlinie betont aber auch, dass nicht jede Gesichtslähmung eine Bell-Parese ist1.

38%

der 1.989 Betroffenen eines spezialisierten Fazialis-Zentrums in Boston hatten eine Bell-Parese2

10%

hatten die Lähmung nach der Operation eines Tumors am Hör- und Gleichgewichtsnerv, eines Akustikusneurinoms2

7%

ging auf das Varizella-Zoster-Virus zurück, den Erreger von Windpocken und Gürtelrose2

An einem Spezialzentrum landen eher schwere und ungewöhnliche Fälle, die Verteilung gilt deshalb nicht für die Allgemeinbevölkerung. Sie zeigt aber die Bandbreite, bis hin zu Tumoren, Verletzungen bei Eingriffen und der Borreliose nach einem Zeckenstich2.

Bell-Parese

Plötzlich, einseitig, ohne erkennbaren Auslöser. Sie ist die häufigste Form.

Ramsay-Hunt-Syndrom

Eine Gürtelrose im Bereich des Ohrs. Zur Lähmung kommen Bläschen an Ohr oder Mund, oft auch Ohrgeräusche, Hörminderung und Schwindel3. Mehr zu Ohrgeräuschen im Artikel Tinnitus.

Borreliose

Nach einem Zeckenstich kann der Erreger den Gesichtsnerv befallen, gelegentlich auf beiden Seiten.

Schlaganfall

Hier sitzt der Schaden nicht am Nerv, sondern im Gehirn. Man spricht von einer zentralen Gesichtslähmung.

Öffentlich bekannt wurde das Ramsay-Hunt-Syndrom 2022 durch den Sänger Justin Bieber. Die Lähmung ist häufig stärker als bei der Bell-Parese und bildet sich seltener vollständig zurück. Die Bläschen können erst nach der Lähmung auftauchen, in der bislang einzigen vorausschauenden Untersuchung bei 14 % der Betroffenen3.

Einordnung

Zentral oder peripher: was die Stirn verrät

Wo der Schaden sitzt, zeigt sich oft an der Stirn. Die Einschätzung selbst gehört in ärztliche Hände.

Die Muskeln der Stirn erhalten ihre Befehle aus beiden Hirnhälften, die des unteren Gesichts überwiegend aus der gegenüberliegenden. Fällt nach einem Schlaganfall eine Hirnhälfte aus, bleibt das Stirnrunzeln deshalb oft möglich, gelähmt ist vor allem die untere Gesichtshälfte. Ist dagegen der Nerv selbst betroffen, fällt die ganze Hälfte aus, vom Stirnrunzeln über den Lidschluss bis zum Mundwinkel.

Periphere Fazialisparese

  • Schaden am Nerv selbst, etwa Bell-Parese, Gürtelrose oder Verletzung
  • Die ganze Gesichtshälfte ist betroffen, auch die Stirn
  • Das Auge schließt oft nicht vollständig
  • Geschmack, Tränen und Hören können mitbetroffen sein

Zentrale Fazialisparese

  • Schaden im Gehirn, etwa nach einem Schlaganfall
  • Vor allem Mund und Wange sind betroffen
  • Stirnrunzeln bleibt oft möglich
  • Häufig zusammen mit Schwäche von Arm oder Bein und Sprachstörungen

Die Stirn ist ein Hinweis, kein Test zum Selbermachen. Auch bei beweglicher Stirn kann ein Schlaganfall vorliegen.

Notfall: Hängt plötzlich ein Mundwinkel und kommen Schwäche in Arm oder Bein, Sprach-, Seh- oder Gleichgewichtsstörungen dazu, ruf den Notruf 112. Auch eine Gesichtslähmung ohne weitere Zeichen gehört noch am selben Tag ärztlich angesehen, denn die Behandlung der Bell-Parese beginnt am besten in den ersten 72 Stunden.

Behandlung

Was die Medizin in den ersten Tagen tut

Für die Bell-Parese gibt es eine ärztliche Behandlung mit guter Studienlage. Sie gehört an den Anfang.

Die amerikanische HNO-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, ab 16 Jahren innerhalb von 72 Stunden nach Beginn Kortison zum Einnehmen zu verordnen. Ein Virusmittel soll nicht allein gegeben werden, zusätzlich zum Kortison ist es eine Option. Schließt das Auge nicht, braucht es Schutz. Wer sich nach drei Monaten nicht vollständig erholt hat, wird erneut untersucht oder an ein Spezialzentrum überwiesen1.

83%

hatten nach drei Monaten ihre Gesichtsfunktion zurück, wenn sie früh Prednisolon bekamen, gegenüber 64 % ohne4

94%

waren es nach neun Monaten mit Prednisolon, gegenüber 82 % ohne. Untersucht wurden 551 Personen in Schottland4

72Stunden

nach Beginn der Lähmung begann dort spätestens die Behandlung. Das Virusmittel Aciclovir brachte keinen Nutzen4

Zur Physiotherapie gibt dieselbe Leitlinie keine Empfehlung ab, weder dafür noch dagegen1. Die Studien dazu sind klein. Das Training ersetzt die ärztliche Behandlung nicht und ist kein Grund, auf sie zu warten. Es setzt an einer anderen Stelle an.

Verordnete Mittel wie Kortison, Augentropfen, Augensalbe oder einen Uhrglasverband für die Nacht setzt du nicht eigenmächtig ab. Änderungen besprichst du mit deiner Praxis. Das Training lässt sich mit ärztlicher Behandlung, Physiotherapie und Logopädie kombinieren. Wie wir andere Verfahren einordnen, steht unter FaceFormer und andere Behandlungen.

Verlauf

Wie es weitergeht: Erholung, Restschwäche, Mitbewegungen

Wie eine Gesichtslähmung ohne Behandlung verläuft, zeigt eine der größten Beobachtungsstudien zu diesem Thema.

In Kopenhagen hat der HNO-Arzt Erik Peitersen über 25 Jahre 2.570 periphere Gesichtslähmungen verfolgt, bis die Funktion zurück war, längstens ein Jahr. Behandelt wurde nicht. Die Daten zeigen deshalb, wie die Erholung aus eigener Kraft verläuft5.

85%

zeigten innerhalb von drei Wochen wieder Funktion, bei den übrigen kehrte sie erst nach drei bis fünf Monaten zurück5

71%

erreichten wieder eine normale Mimik5

16%

behielten Mitbewegungen, 17 % eine Verkürzung der Muskeln, eine sogenannte Kontraktur5

Die Zahlen machen Mut, zeigen aber auch die Kehrseite. Manche Folgen entstehen erst mit der Erholung: Wächst der Nerv nach, finden nicht alle Fasern zu ihrem ursprünglichen Muskel zurück. Dann bewegt sich beim Lächeln das Auge mit, oder beim Essen tränt es. Diese Mitbewegungen heißen Synkinesien.

Restschwäche

Der Mundwinkel hängt, das Lächeln bleibt einseitig, die Wange ist schlaff.

Mitbewegungen

Beim Spitzen der Lippen schließt sich das Auge, beim Blinzeln zuckt der Mundwinkel.

Verkürzung

Die betroffene Seite wirkt nach Monaten fest und angespannt.

Trinken und Essen

Flüssigkeit läuft seitlich heraus, Speisereste sammeln sich in der Wange1.

Auge

Das Lid schließt unvollständig, das Auge trocknet aus und braucht Schutz1.

Funktion statt Symptom

Was eine Gesichtslähmung mit Atmung, Schlucken und Kopfbalance zu tun hat

Die Lähmung selbst ist Sache der Medizin. Was sie im Alltag verändert, betrifft Funktionen, die rund um die Uhr laufen. Geschluckt wird viele hundert bis tausend Mal am Tag.

Unser Ansatz dreht sich nicht um das Symptom, sondern um die Basisfunktionen Atmung, Schlucken und Kopfbalance. Bei vielen Beschwerden steht aus unserer Sicht eine gestörte Basisfunktion am Anfang der Kette. Bei der Gesichtslähmung ist es umgekehrt: Die Erkrankung stört die Funktion, und der Körper muss sich darauf einstellen. Hier setzt das Training an.

Ein dichter Mundschluss ist die Voraussetzung dafür, dass der Mundraum beim Schlucken Unterdruck aufbaut und die Luft den Weg durch die Nase nimmt. Bei Menschen nach einem Schlaganfall hing die Lippenkraft deutlich mit der Schluckfähigkeit zusammen, bei Gesunden nicht6.

Aus unserer Sicht bilden die Lippen den vorderen Abschluss eines Systems, in dem Atmung, Schlucken und Kopfbalance zusammenarbeiten. Mehr dazu im Artikel Schlucken und Schluckstörung.

Die drei Basisfunktionen Atmung, Schlucken und Kopfbalance.
Die drei Basisfunktionen Atmung, Schlucken und Kopfbalance.
  1. Der Nerv fällt aus

    Eine Gesichtshälfte verliert Spannung, der Lippenring wird nur noch von einer Seite gezogen.

  2. Der Mundschluss wird undicht

    Beim Trinken läuft etwas heraus, Speisereste bleiben in der Wange, der Mund steht öfter offen.

  3. Der Körper gleicht aus

    Die gesunde Seite arbeitet mehr, Kiefer und Zunge helfen beim Abdichten, die Luft nimmt häufiger den Weg durch den Mund.

  4. Das Muster wird gespeichert

    Aus unserer Sicht legt das Nervensystem die Ersatzlösung als Gewohnheit ab. Sie kann bleiben, auch wenn der Nerv sich erholt hat.

Hier liegt aus unserer Sicht die Stellschraube. Den Nerv repariert das Training nicht, es kann aber die Voraussetzungen schaffen, dass die Muskeln, die noch angesteuert werden, in ihr Funktionsmuster eingebunden bleiben. Was eingebunden ist, wird gebraucht und behält seine Spannung, was umgangen wird, verliert sie. Anwender mit einer Teillähmung berichten uns von Veränderungen beim Mundschluss, beim Trinken und beim Schlucken, die sie nicht erwartet hätten. Das ist Einzelfallerleben und kein Versprechen.

Spitz die Lippen und blas die Wangen auf. Was passiert?

Studienlage

Gesichtsübungen und Mundvorhofplatten: was geprüft ist

Übungen für das Gesicht sind untersucht, wenn auch nicht so gründlich, wie man es sich wünschen würde.

Die Cochrane-Übersicht zur Physiotherapie bei Bell-Parese fand 12 Studien mit 872 Teilnehmenden. Hochwertige Belege für einen deutlichen Nutzen oder Schaden gibt es nicht. Studien geringer Qualität sprechen dafür, dass auf den Einzelnen abgestimmte Gesichtsübungen die Funktion verbessern können, vor allem bei mittelgradiger und bei länger bestehender Lähmung7.

145Personen

mit frischer Lähmung übten drei Monate lang. Danach entwickelten deutlich weniger von ihnen Mitbewegungen als ohne Übungen7

86Personen

nahmen an der aussagekräftigsten Studie zur Elektrostimulation teil. Sie brachte gegenüber einer Scheinbehandlung keinen Vorteil7

4Studien

von hoher Qualität unter sieben seit 2011 neu erschienenen randomisierten Studien berichteten alle einen Nutzen von Gesichtsübungen8

Spiegeltraining

27 Personen mit vollständiger Lähmung, per Los aufgeteilt. Wer zehn Monate täglich vor dem Spiegel übte, die Augen beim Bewegen des Mundes gleich weit offen zu halten, entwickelte deutlich weniger Mitbewegungen9.

Mime-Therapie

50 Menschen mit einer über neun Monate bestehenden Lähmung übten drei Monate lang Entspannung, Koordination und Ausdruck. Die Symmetrie des Gesichts verbesserte sich gegenüber einer Wartegruppe10.

Näher am FaceFormer liegen Untersuchungen mit einer Mundvorhofplatte, einem Schild zwischen Lippen und Zähnen, gegen das die Lippen arbeiten. In Schweden trainierten 30 Menschen nach einem Schlaganfall, 24 davon mit zentraler Gesichtslähmung, mindestens fünf bis acht Wochen damit. Ihre Lippenkraft stieg im Median von 7 auf 18,5 Newton, und ihre Schluckfähigkeit verbesserte sich11.

Die Autoren vermuten den Grund weniger in kräftigeren Lippen als in der sensomotorischen Anregung und der Anpassungsfähigkeit des Nervensystems11. In einer anderen Studie änderten sich Lächeln und Lippenspitzen bei sieben Menschen mit peripherer Lähmung kaum. Sie berichteten aber, dass seltener Speichel, Getränke und Essen herausliefen, und sechs von ihnen konnten stärker saugen12.

Aus dem Fehlen einer Untersuchung folgt nicht, dass der Zusammenhang nicht besteht. Es folgt, dass er nicht geprüft ist.Keine dieser Studien hat den FaceFormer untersucht. Die Arbeiten mit Mundvorhofplatten sind klein und ohne Vergleichsgruppe, eine Übersichtsarbeit hält mehr Studien für nötig13. Sie stützen das Prinzip, kein Gerät. Mehr unter Studien und Wissenschaft.

Training

So sieht das FaceFormer-Training bei einer Gesichtslähmung aus

Lähmungen im Mund- und Gesichtsbereich gehören zu den Anwendungsgebieten, die die Übungsanleitung des FaceFormers nennt. Das Training ergänzt die Behandlung.

Zum Hintergrund: Die FaceFormer-Therapie hat ihre Wurzeln in der Rehabilitation. Klaus und Sabine Berndsen haben sie am ISST Unna, dem 1984 gegründeten Institut für Spezielle Systemische Therapie, entwickelt, unter anderem in der Arbeit mit Menschen nach einem Schlaganfall und mit Nervenschäden im Gesicht. Was Übungen bei einer Gesichtslähmung leisten können und wo die Grenzen liegen, ordnen die Abschnitte Studien und Grenzen ein.

Jede Übung beginnt mit derselben Ausgangslage. Die Zungenspitze liegt an der kleinen Erhebung hinter den oberen Schneidezähnen, dem Ausgangspunkt der Zungenreferenzlage. Der Nacken ist gestreckt, der Kopf balanciert. Der FaceFormer liegt im Mundvorhof, hinter den Lippen und vor den Zähnen.

In der Grundübung drücken die Lippen den Lippenkeil zusammen, die Backenzähne beißen kurz auf, und du schluckst einmal. Der Keil ist symmetrisch geformt. Beide Mundhälften müssen sich um dieselbe Form schließen.

Die Ausgangslage: Zungenspitze nach oben, Nacken gestreckt, dann das FaceFormer-Training.
Die Ausgangslage: Zungenspitze nach oben, Nacken gestreckt, dann das FaceFormer-Training.

Warum das auch bei einer Lähmung sinnvoll sein kann: Die Empfindung im Gesicht läuft über einen anderen Nerv, den Trigeminus, und bleibt bei einer Fazialisparese in der Regel erhalten. Druck und Form des Lippenkeils kommen also im Hirnstamm an, auch wenn die Muskeln noch schwach antworten. Zunge, Gaumen und Nacken liefern weitere Signale desselben Ablaufs.

Das Muster ist nicht gelöscht, es ist überlagert.So beschreibt es unser Modell. Ein Bewegungsablauf kommt aus unserer Sicht nicht durch Einsicht zurück, sondern durch präzise, häufige Wiederholung.

Ab etwa Woche 3 kommt die Zugübung dazu. Du ziehst den Lippenkeil mit Daumen und Zeigefinger, während die Lippen dagegenhalten, beißt auf und schluckst. Für Lähmungen im Gesicht nennt das Übungsmanual neben dem Zug nach vorn auch die Richtungen nach oben, nach unten und zur Seite.

Bei einer einseitigen Lähmung wird in der Zugübung in variierende Richtungen zur gesunden Seite gezogen. Richtungen und Zahl der Einheiten stimmst du am besten mit einer Praxis ab.

Zugübung im Schnitt: Die Hand wechselt die Zugrichtung, die Lippen halten dagegen, dann wird aufgebissen und geschluckt.
  1. Ab Tag 1

    Grundübung

    Dreimal täglich wenige Minuten mit dem FaceFormer ZERO, mit wenig Kraft und gleichmäßig auf beiden Seiten.

  2. Ab etwa Woche 3

    Zugübung und Nacht

    Zugübung wie oben beschrieben. Nachts trägst du den ZERO, sobald die Grundübung sitzt. Besteht eine Schluckstörung, erst nach Rücksprache mit der Logopädie.

  3. Nach einigen Wochen

    Wechsel auf den ONE

    Er ist gleich groß und geformt wie der ZERO, nur aus festerem Material.

  4. Ab etwa Woche 6

    Atemübung

    Die Atemübung verbindet das Training mit ruhiger Nasenatmung.

  5. Über Monate

    Geduld

    Das Übungsmanual rechnet mit sechs bis zwölf Monaten, bis neue Abläufe von selbst laufen.

Sicherheit

Grenzen und worauf du achten solltest

Das Training ist nicht invasiv. Trotzdem gibt es Situationen, in denen du vorsichtig sein oder erst Rücksprache halten solltest.

01

Präzision vor Kraft

Beginne mit dem ZERO und drück nur so fest, dass beide Mundhälften den Keil halten.

02

Das Auge im Blick

Übe anfangs vor dem Spiegel. Schließt sich beim Pressen das Auge mit, nimm Kraft heraus. Hält das an, stimm das Training mit einer Praxis ab, die Gesichtslähmungen behandelt.

03

Der FaceFormer rutscht heraus

Dann ziehst du stärker, als die Lippen im Moment halten können. Zieh sanfter.

04

Das Auge schützen

Schließt das Lid nicht vollständig, braucht das Auge eigenen Schutz. Daran ändert das Training nichts.

05

Schmerzen und Ermüdung

Bei Schmerzen unterbrichst du. Muskelermüdung und Druck an den Zähnen sind anfangs häufig: kurz pausieren, dann mit weniger Wiederholungen weiter.

Erst nach ärztlicher Rücksprache oder nicht angezeigt: eine frische, noch nicht abgeklärte Lähmung; akute Entzündungen in Mund, Rachen oder Atemwegen; eine vollständig verlegte Nase; frische Operationen im Mund oder im Gesicht, bis die operierende Praxis zustimmt; eine akute Kiefergelenksblockade mit starken Schmerzen; degenerative neuromuskuläre Erkrankungen wie ALS, fortgeschrittener Parkinson oder Bulbärparalyse. Eine beidseitige Gesichtslähmung gehört grundsätzlich gründlich abgeklärt. Kinder unter 4 Jahren trainieren nur mit fachkundiger Begleitung. Bei einer Schluckstörung, etwa nach einem Schlaganfall, klärt die Logopädie vorher, ob und wie du beim Training schluckst. Die nächtliche Anwendung beginnst du dann erst nach dieser Freigabe.

Alltag

Mit einer Gesichtslähmung im Alltag

01

Trinken

Kleine Schlucke, der Kopf bleibt aufrecht. Schließ die Lippen bewusst um den Glasrand, auch auf der schwächeren Seite.

02

Essen

Kleine Bissen, gut kauen. Sammeln sich Reste in der Wange, räumt die Zunge sie nach dem Schluck heraus.

03

Lippen zu, Nase auf

Lippen locker aufeinander, Zungenspitze am Gaumen: So bleibt der Mundraum dicht, und die Luft nimmt den Weg durch die Nase. Ein oft offener Mund trocknet aus, mehr unter Mundtrockenheit.

04

Kopfbalance

Balanciere den Kopf über dem Körper, statt ihn vorzuschieben. Aus unserer Sicht entlastet das Kiefer und Nacken.

05

Fotos statt Tagesform

Fotografiere vor dem Start dein Gesicht in Ruhe, beim Lächeln und beim Lippenspitzen, und wiederhole das alle vier bis sechs Wochen.

06

Die App nutzen

Die kostenlose FaceFormer-App leitet die Grundübungen an und hält deinen Verlauf fest. Alle Module findest du auf den Übungsseiten.

Fragen

Häufig gefragt

Was ist eine Fazialisparese?

Eine Lähmung des Gesichtsnervs, des Nervus facialis, der die mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte bewegt. Sitzt der Schaden am Nerv selbst, spricht man von einer peripheren Fazialisparese, sitzt er im Gehirn, etwa nach einem Schlaganfall, von einer zentralen.

Wie lange dauert eine Gesichtslähmung?

Sehr unterschiedlich. In einer großen Kopenhagener Beobachtungsstudie ohne Behandlung kehrte bei 85 % innerhalb von drei Wochen Funktion zurück, bei den übrigen nach drei bis fünf Monaten. Ist die Erholung nach drei Monaten unvollständig, empfiehlt die Leitlinie eine erneute Untersuchung.

Woran erkenne ich, ob es ein Schlaganfall ist?

Sicher erkennen kannst du es selbst nicht. Kommen Schwäche in Arm oder Bein, Sprach-, Seh- oder Gleichgewichtsstörungen dazu, ruf den Notruf 112. Auch ohne weitere Zeichen gehört eine frische Gesichtslähmung noch am selben Tag ärztlich angesehen.

Helfen Übungen bei einer Gesichtslähmung?

Die Studienlage ist dünn, aber überwiegend positiv. Die Cochrane-Übersicht fand Belege geringer Qualität, dass abgestimmte Gesichtsübungen die Funktion verbessern und früh begonnen Mitbewegungen verringern können. Elektrostimulation brachte keinen Vorteil.

Kann der FaceFormer eine Gesichtslähmung heilen?

Nein. Die Erkrankung des Nervs behandelt die Medizin, und den Nerv repariert das Training nicht. Es setzt an Lippenschluss, Schlucken und Nasenatmung an und kann die Voraussetzungen schaffen, dass die noch angesteuerten Muskeln in ihr Funktionsmuster eingebunden bleiben. Zum FaceFormer bei Gesichtslähmung gibt es keine Studie.

Wann kann ich nach einer Fazialisparese mit dem Training beginnen?

Wenn die Ursache ärztlich abgeklärt und die Akutbehandlung eingeleitet ist, nach einer Operation im Gesicht oder im Mund erst mit Zustimmung der operierenden Praxis. Du beginnst mit der Grundübung und wenig Kraft.

In welche Richtung ziehe ich bei einseitiger Gesichtslähmung?

Zur gesunden Seite, so beschreibt es das Übungsmanual. Der FaceFormer bleibt mittig im Mund, und du ziehst nur so stark, wie die Lippen ihn halten können. Die Kombination der Richtungen legst du am besten mit einer Praxis fest.

Was sind Synkinesien, und darf ich trotzdem trainieren?

Mitbewegungen nach einer Gesichtslähmung, etwa wenn sich beim Lippenspitzen das Auge schließt. Trainieren kannst du trotzdem, langsam, mit wenig Kraft und vor dem Spiegel. Nimmt die Mitbewegung zu, stimm das Training mit einer Praxis ab.

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Dr. Klaus-Jürgen Berndsen
Dr. Klaus-Jürgen BerndsenEntwickler der FaceFormer-Therapie. Inhaltliche Grundlage: das Buch „Trust the Triad“. Stand: September 2026.

Quellen

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  4. Sullivan FM, Swan IR, Donnan PT, Morrison JM, Smith BH, McKinstry B et al. (2007). Early treatment with prednisolone or acyclovir in Bell’s palsy. New England Journal of Medicine 357(16):1598-1607. PMID 17942873. Quelle
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  12. Wertsén M, Stenberg M (2020). Training lip force by oral screens. Part 3: Outcome for patients with stroke and peripheral facial palsy. Clinical and Experimental Dental Research 6(3):286-295. PMID 32301276. Quelle
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